Samstag, 20. August 2016

Heilpraktiker: Achtung! Lebensgefahr?

Heilpraktiker: Achtung! Lebensgefahr?


Ein Fall hat es in die Heute-Nachrichten (1) gebracht (19.08.2016)

Tod durch Umstrittenes Krebsmittel?
In der Pressemitteilung der Polizei Mönchengladbach (2) liest es sich so:

Historie Am Mittwoch, dem 27. Juli wurden in der Klaus-Ross-Klinik fünf Behandlungen durchgeführt. Am Donnerstag, dem 28. Juli ist nach dieser Behandlung eine 55-jährige belgische Frau in Nimwegen verstorben, am Freitag ein 55-jähriger Mann aus Apeldoorn. Am Samstag, dem 30. Juli ist eine 43-jährige Frau aus Wijk en Aalburg nach der Behandlung in Mönchengladbach verstorben. Derzeit ist bekannt, dass zwei niederländische Frauen stationär in ein Krankenhaus aufgenommen wurden, die ebenfalls in diesem Krebszentrum behandelt wurden. Über deren Alter, Wohnort und ihren Gesundheitszustand kann die Polizei derzeit keine Angaben machen.“

Noch keine Nennung der Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“.

Verschiedene andere (online) Presseorgane nehmen sich der Sache an. Z.B. welt.de (3):

"Die seltsamen Tode in der alternativen Krebsklinik“

Dass etwas schiefgegangen ist, daraus macht Klaus Ross kein Geheimnis. Auf der Internetseite des nach ihm selbst benannten "Zentrums für alternative Krebstherapie" in Brüggen am Niederrhein schreibt der Mann am Donnerstag, dass kürzlich einer seiner Patienten unerwartet verstorben sei. Man sei schockiert, so Ross, der den Angehörigen sein Beileid ausspricht.
Allerdings, auch das macht er klar, könne es nicht sein, dass seine Klinik für den Todesfall verantwortlich gemacht wird. Wirklich nicht?“

Auch hier noch nicht das Wort „Heilpraktiker“:

Aber in focus.de (4) dann der Bezug zu Heilpraktikern und alternativen Behandlern:

So können Krebspatienten sich vor gefährlichen Wunderheilern schützen
Heilpraktiker und andere, die alternative Behandlungen anbieten, bewegen sich unter Umständen in einem Graubereich“, sagt Weg-Remers.“

Und dann expliziter, zeit.de (5) den Heilpraktiker genannt:

In der Praxis des Heilpraktikers, die als Klaus-Ross-Zentrum vor allem in den Niederlanden Werbung machte, wurde den Patienten möglicherweise auch der Stoff 3-Bromopyruvat verabreicht. Jedenfalls steht die Substanz als eins der Behandlungsmittel auf der Website des Zentrums. 3-Bromopyruvat ist noch in der Grundlagenerforschung, die Polizei warnt vor der Einnahme und will nun untersuchen, ob die verstorbenen Patienten mit der Substanz behandelt worden sind.“


Der Vorgang hat Reaktionen gegen den Heilpraktikerberuf und seine Befugnisse hervorgebracht.

In der DAZ.online (6) wurde beklagt:

"Patientenschützer kritisiert Gröhe wegen Krebsheilern“

Es kann nicht sein, dass ein Klempner oder eine Pommesbude stärker unter Aufsicht der Behörden steht als ein medizinischer Dienstleister“, erklärte Patientenschützer Brysch gegenüber der „Welt“. Gesundheitsämter wie jene im Kreis Viersen, in dem das „Biologische Krebszentrum“ liegt, seien für die Erfassung und Überwachung der Berufe im Gesundheitswesen zuständig. Sie müssten verhindern, dass es Scharlatanerie gebe: Eine Pommesbude werde laut Brysch schließlich auch einmal im Jahr kontrolliert.“

Die gleiche Stelle legt mit einem Interview nach – DAZ.online (7) -:

"Die Heilpraktiker-Erlaubnis sollte begrenzt werden“

Rudolf Henke: In der Schweiz wurde nach einem Diskussionsprozess eine Liste von Kompetenzen zusammengestellt, andere wurden ausgeschlossen. Ich denke, dass man diese Diskussion führen muss und führen wird. Im neunzehnten Jahrhundert konnte die Medizin nicht so viel bieten wie heute – da gab es keinen Unterschied, ob man zum Arzt, zum Heilpraktiker oder zur Kräuterfrau ging. Heute haben wir eine der besten Ärzte-Ausbildungen weltweit und eine große Bandbreite an Fachrichtungen in der Medizin, vom sprichwörtlichen Seelendoktor bis zum hochspezialisierten Neurochirurgen. 
Schon aus Gründen der Patientensicherheit frage ich mich deshalb, ob man die Heilpraktiker-Erlaubnis so undifferenziert erteilen soll wie bisher – oder muss man über Begrenzungen oder Konkretisierungen der Erlaubnis nachdenken? Das ist glaube ich der Weg, den man gehen sollte.“


Ist es also nach den derzeitigen Regelungen lebensgefährlich, einen Heilpraktiker oder anderen alternativen Therapeuten aufzusuchen?
Ja und nein, wie auch bei Ärzten und anderen Therapeuten.

Das Problem liegt bei der Person selbst – ob Heilpraktiker oder Arzt -, die die Heilkunde ausübt. Dort wo Selbstkritik und richtige Einschätzung der eigenen Möglichkeiten das Handeln bestimmen sollten. Der Wunsch auf gutes Einkommen könnte manchmal Bedenken gegen das eigene Tun überwiegen und so manche ideologieartige Festlegung auf scheinbar „heilungsbringende“ Ideen und Thesen. Gerne wird dabei auf pseudowissenschaftliche Darstellungen zurückgegriffen, irgendwelche Verbindungen mit früheren Nobelpreisträgern hergestellt und gerne darauf verwiesen, dass der „arme“ Propagandist des/der Verfahren nur aus Konkurrenzgründen der Schulmedizin und/oder wirtschaftlicher Interessen verfolgt und diskreditiert wird. Leider kann auch das Letztere für manchen – Heilpraktiker wie Arzt – fast schon die besondere Glaubwürdigkeit der Thesen unterstreichen.

Die Anwendung vom umstrittenen Verfahren, besonders in der alternativen Krebsbehandlung ist keinesfalls auf Heilpraktiker zu beschränken. Auch so mancher Arzt wendet gleiches oder ähnliches an. Vielleicht wird das als weniger problematisch angesehen, weil man davon ausgeht, dass Ärzte vielleicht besser abschätzen könnten, ob und bei wem das überhaupt versucht werden könnte und dazu die fachkundigere (Experimental-)Therapiekontrolle ausüben können. Wegen der geregelten Ausbildung und der Fachkundeprüfung Staatsexamen.

Im Interview (7) meint

Rudolf Henke: Ich kann den Anspruch auf eine Heilpraktiker-Erlaubnis geltend machen, wenn ich mindestens 25 Jahre alt bin, keine ansteckenden Krankheiten habe, nicht geisteskrank und unbescholten bin und den Hauptschulabschluss besitze. Dann wird in einer zweistündigen Prüfung getestet, ob es Hinweise gibt, dass für die Volksgesundheit eine Gefahr ausgeht. Dabei fallen 50 bis 75 Prozent durch, das ist also nicht simpel. Aber mehr ist das nicht: Es hat nichts mit einem Staatsexamen oder einer qualitätsgesicherten Ausbildung zu tun. Es gibt immer wieder fachliche Streitereien mit den Gesundheitsbehörden, die die Prüfungen abnehmen – wenn Heilpraktiker das Gefühl bekommen, dass die Prüfungen zu fachlich sind.“


Nun ist das Wort „Prüfung“ in dem Zusammenhang falsch und irreführend. Es handelt sich lediglich um eine „Überprüfung“ zur Gefahrenabwehr, die negative Kriterien feststellen soll, dass durch die Tätigkeit der Person keine Gefahren für die Volksgesundheit ausgehen. Dazu ist eben keine Fachkunde zu zeigen, aus der ein Nutzen für den Patienten abzuleiten wäre, wie in einer Prüfung.


Unabdingbares Grundwissen im medizinischen Bereich ist gefragt. Das soll sicher stellen, dass Krankheitszustände erkannt werden können und vor allem auch drohende Gefahren für den Patienten, damit entsprechende Maßnahmen (auch durch den Arzt) dann angestoßen werden können. Dazu muss man nicht wissen, wie der Stoffwechsel einer Krebszelle (und dann welcher der vielen Krebsarten) genau funktioniert. Man muss nicht biochemisch genau wissen, wie die in den Fällen hier eingesetzte Substanz tatsächlich wirken könnte. Auch die spezielle Pharmakologie ist kein Wissensgebiet, das für die Überprüfung maßgeblich sein kann – außer vielleicht zu den Präparaten, die in Standardtherapie der „Massenkrankheiten“ eingesetzt werden. Dazu gehören die gängigen Entzündungshemmer und Schmerzmittel, klassische Blutdrucksenker, Antibiotika und Diabetesmittel. Doch spezielle und dann noch nicht mal wirklich erforschte Krebsmittel? Die müssen nicht gekannt werden.


Da setzt das Heilpraktikergesetz mit seinen Durchführungsverordnungen auf die Einsicht und Sorgfalt des jeweiligen Heilpraktiker: Nur tun, was man sicher kann und sich genauestens über eingesetzte Mittel in Kenntnis setzten. Freiwillige Basis, Vertrauen in den Behandelnden.


Im Interview (7) macht sich der Politiker und Arztfunktionär Gedanken:


Rudolf Henke: ...
Eine Frage ist auch, wo man ansetzt. Der Bund hat im Gesundheitsbereich keine Kompetenz, die Berufsausübung zu regulieren, sondern nur für die Ausbildung – die kann er regeln. Das „Deutsche Reich“ hat sich unter den Nazis gegen eine Regulierung der Ausbildung der Heilpraktiker entschieden, daran haben alle Parlamente seitdem festgehalten. In diesem Bereich hätte der Bund eine Kompetenz.“

Der Gesetzgeber 1939 hat in seiner Begründung zum Heilpraktikergesetz (HPG) schon den Patientenschutz im Blick gehabt (A/B):

"Es konnte dabei nicht ausbleiben, daß sich auch fachlich unfähige und charakterlich minderwertige Personen auf diesem Gebiete betätigten und durch unzweckmäßige Behandlungsmethoden gesundheitliche Schäden anrichteten. Die hierzu berufenen Stellen haben daher seit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus Mittel und Wege geprüft, um diese Mißstände zu beseitigen und dem deutschen Volke eine einwandfreie gesundheitliche Betreuung sicherzustellen."


Auf der einen Seite sollten nach 1939 keine Heilpraktiker mehr zum Beruf zugelassen werden. Es gab gemäß der Durchführungsverordnung (DVO) zu diesem Gesetz einen Termin, bis zu dem der Antrag auf Tätigkeit als Heilpraktiker gestellt sei musste. Danach war keine Erlaubnisbeantragung mehr möglich.

Abgesehen von einer Sonderregelung nach HPG §2, die aber nicht zur Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ sondern zur Bezeichnung (§§8 und 9 der DVO) (A) „Arzt für Naturheilkunde“ führte, war der Weg in den Heilberuf, ohne Medizinstudium dann verwehrt.

Es gab bis 1939 schon eine in gewisser Weise geregelte Ausbildung zum Heilpraktiker, an den Schulen des Reichsheilpraktikerbundes, dessen Schüler gemäß DVO auch den Antrag nach den HPG stellen durften, auch wenn sie bisher die Heilkunde nicht ausgeübt hatten:

DVO § 1(2) (A/B)
(1) Wer bei Verkündung des Gesetzes, ohne als Arzt bestallt zu sein, die Heilkunde am Menschen berufsmäßig ausgeübt hat und sie weiter ausüben will, hat die Erlaubnis bis zum 1. April 1939 bei der für seinen Niederlassungsort zuständigen unteren Verwaltungsbehörde zu beantragen.
(2) Antragsberechtigt sind ferner die zur Zeit auf den Schulen des
Reichsheilpraktikerbundes befindlichen Schüler.“

Doch es war nicht nötig, da es ja keine späteren Berufszugänger mehr geben konnte, irgendeine Ausbildung dazu für die Zukunft gesetzlich zu regeln. Vielmehr wurde der Betrieb von Ausbildungsstätten konsequenterweise verboten (A). Es lag nicht daran, dass dem damaligen Gesetzgeber egal war, welches Können der Heilpraktiker hatte. Er setzte mit der DVO eine Berufsvertretung für die Heilpraktiker mit öffentlich rechtlichen Befugnissen ein, die es so seit Ende des „3.Reiches“ nicht mehr gibt:

§ 12.
(1) Zur Wahrung der Berufsbelange der nach § 1 Abs. 3 des Gesetzes zur Ausübung der Heilkunde zugelassenen Personen ist die Deutsche Heilpraktikerschaft e. V. mit dem Sitz in München errichtet worden. Sie wird als alleinige Berufsvertretung anerkannt.
...
§ 6
Wer eine Erlaubnis nach § 1 Abs. 3 des Gesetzes erhält, ist verpflichtet, Mitglied der Deutschen Heilpraktikerschaft e. V. zu werden.“...
§ 7
(2) Die Erlaubnis ist ferner zurückzunehmen, wenn es unterlassen wird, die Mitgliedschaft bei der Deutschen Heilpraktikerschaft e.V. zu erwerben oder wenn die Mitgliedschaft endigt.
Mit Verlust/Ende der Mitgliedschaft wird die Heilpraktikererlaubnis zurückgenommen.
...
(1) Der Leiter der Deutschen Heilpraktikerschaft e.V. wird vom Reichsminister des Innern im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers berufen und abberufen.
§ 14.
(1) Der Leiter regelt in einer Berufsordnung die Berufspflichten der Mitglieder.
(2) Die Berufsordnung bedarf der Genehmigung des Reichsministers des Inneren, die im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers erteilt wird.

Es sollte demnach verbindliche Berufsregeln für Heilpraktiker, deren Einhaltung entsprechend überwacht werden konnte, geben. Dazu gehörte die kollegiale Fachprüfung, wenn Zweifel daran bestanden, dass ein Heilpraktiker, das was er tat auch richtig konnte. Verstöße konnten zum Ausschluss und damit zum Verlust der Heilpraktikererlaubnis führen. So etwas gibt es nicht mehr, seit im September 1945 die Deutsche Heilpraktikerschaft als „Nazigründung“ alle öffentlich-rechtlichen Befugnisse verlor. Heute sind Heilpraktiker freie Einzelunternehmer, die keiner Berufsorganisation angehören müssen. Und es ist keiner der inzwischen wohl über 20 Heilpraktikervereine an die Stelle der DH getreten.

Der Gesetzgeber hat seit dem keine Berufsregeln für den Heilpraktiker erlassen, auch wenn mit dem Grundgesetz und dessen Berufsfreiheitsgarantie der Zugang zum Heilpraktikerberuf wieder möglich wurde. Im Grunde waren in den Jahren bis ca. 1980 vielleicht nur 7.000 Heilpraktikerpraxen im Bundesgebiet vorhanden. Doch ab 2000 bis 2010 stieg die Zahl der Heilpraktiker sprunghaft an von rund 13.000 auf rund 32.000.

Der Bund, der Kompetenz für entsprechende Regelungen hätte, hat in all den Jahren, in denen es immer mal wieder (wenige) „Horrormeldungen“ über Fehlbehandlungen bei Heilpraktikern gab, aber auch über die von „alternativ“ arbeitenden Ärzten, keine Notwendigkeiten für gesetzliche Regelungen gesehen. Einen Schutz vor Personen, egal welcher Ausbildung und Zulassung zur Heilkunde, die aus ideologischen, narzistischen und/oder pekuniären Gründen ihre Kompetenzen überschritten und durch „sorglose“ Therapien an Patienten diese schädigen könnten, kann kein Gesetz bewirken.

Helfen Kontrollen? Dazu (7)

Rudolf Henke: Es ist Aufgabe der Gesundheitsämter, Heilpraktiker zu überwachen, bis hin zum Entzug der Erlaubnis. Die Landesbehörden hätten vielleicht die Möglichkeit, das zu steigern – wie bei den Kampagnen zur Arbeitssicherheit in anderen Branchen. Begehungen und Kontrollen der Praxen und die Rücknahme oder den Widerruf von Erlaubnissen gibt es heute nur auf der Grundlage des allgemeinen Verwaltungsrechts. Auch das Gesundheitsamt kann also nicht einfach mal so losmarschieren und gucken gehen. Wenn es einen Hinweis oder Kritik gibt, dann muss man dem natürlich nachgehen.

Woher soll denn der Hinweis oder die Kritik kommen? Mein Eindruck ist, dass zuviele Ärzte wegsehen (Standesregel: nichts böses über Kollegen sagen?), wenn aus/in ihren Reihen „schwarze Schafe“ tätig sind. Erst recht so unter den Heilpraktikern. Da scheint es mir für manche sogar Vorbild zu sein, was einige mit – vielleicht nur durch - ihrem „eigenwilligen“ Tun an Geld verdienen können. Heilpraktiker sind üblicherweise keine Großverdiener und müssen sich häufig durch „Nebentätigkeiten“ neben der Heilkundeausübung, wie Wellnessleistungen, Vorträge, allgemeine Gesundheitskurse u.ä. Einkommen sichern.

Doch einschränken der Kurierfreiheit? Das wäre keine Lösung des Problems, dass der Besuch bei einigen Heilpraktikern und Ärzten lebensgefährlich werden könnte.

Bemerkenswert die Aussage (7) von

Rudolf Henke: Wenn man weiß, dass ein Heilpraktiker kein Miniarzt für alternative Medizin ist – sondern gar kein Arzt und ohne Bestallung, Staatsexamen und regulierte Ausbildung – gehört es zur persönlichen Freiheit dazu, sich dennoch dafür zu entscheiden, zu ihnen zu gehen. Die Frage ist nur, ob es eine informierte Entscheidung der Patienten ist. Ich fürchte, dass sie oft die Kompetenzen von Heilpraktikern überschätzen.“


Woher soll ein Patient denn wissen, was ein Heilpraktiker den tatsächlich alles heilkundlich weiß und kann? Die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ macht nur deutlich, dass es sich um keinen approbierten Arzt mit dessen umfassender Ausbildung und einem Staatsexamen handelt. Was ein Heilpraktiker tatsächlich an Wissen erwirbt, ist diesem selbst überlassen. Der Patient wird dann vielleicht mit Informationen zu dieser Person und ihrem „großartigen“ Wissen auf dessen Flyern und Internetauftritten in falsche Vorstellungen versetzt. Da stellt sich jemand als der Spezialist für irgendetwas dar, schwafelt mit pseudowissenschaftlichen Halbwahrheiten über seine Heilungsangebote, ist der extrem erfolgreiche Behandler, hat verschiedenste Ausbildungen bei diesem und jenem (den der Patient nicht kennt) absolviert. Da hat man angebliche „Diplome“ in „Quarkolinischer Heilkunde“ usw.Dann haben einige nach einer „Staatlichen Prüfung“ (klingt nach Staatsexamen), oder einem „Studium zum Heilpraktiker“ bei … ihre Zulassung zur Heilkunde erhalten. Man wird einfach solcher Aussagen nicht Herr, solange aus der Schar der Heilpraktiker und von ihren Vereinen hier nicht oft genug gemahnt und ggf. abgemahnt wird.

Doch, das noch einmal: Menschen, die vielleicht zu wenig Selbstkritik in ihre Heilkundetätigkeit einbringe und damit für Patienten (lebens-) gefährlich werden könnten, gibt es in jedem Heilberuf.

Der Heilpraktiker, der Auslöser für die Diskussion war, hat die Möglichkeiten seiner Kurierfreiheit genutzt und die Apotheke, die in Einzelfertigung die Arzneien herstellte (braucht keine Zulassung als Arznei) hat Erlaubtes getan.

Doch die Frage wird sein,ob die Patienten ausreichend aufgeklärt wurden, dass die Therapie noch nicht am Menschen hinreichend erprobt wurde, erst recht nicht an Patienten mit Krebsarten, die schwer belastende Therapien anderer Art bekommen oder hinter sich haben. Dass sie von daher klar gesagt bekommen haben, dass das Risiko von auch schwerwiegenden und tödlichen Nebenwirkungen/Folgen überhaupt nicht bekannt ist, man also mit solchen durchaus rechnen muss. Und die Frage wird sein, ob die Patienten demnach überhaupt eine wirksame Willenserklärung für die Therapie abgeben konnten. Und die Frage wird sein, ob der Heilpraktiker die aus solchen unklaren Therapien resultierende besondere Überwachungspflicht erfüllt hat, die ihn, keinen anderen, trifft und ermöglicht Probleme frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.




(A) Dünisch-Bachmann: Das Recht des Heilpraktikerberufs und der nichtärztlichen Heilkundeausübung, Verlag R.S. Schulz Ordner mit laufenden Ergänzungslieferungen Stand 2000
(B) Geschichte und ehemaliger Sinn der Heilpraktikerüberprüfung, Beitrag von K.-U.Pagel bei XING, Heilpraktikerlernplattform 31.07.2014 https://www.xing.com/communities/posts/geschichte-und-ehemaliger-sinn-der-heilpraktikerueberpruefung-1007183083


  1. Nachtrag 26.08.2016

    Es ist einen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Zwangbehandlung veröffentlicht worden, in der das Gericht noch mal seine Sicht von der Freiheit, über seinen eigene Gesundheit zu entscheiden, deutlich macht:

    "Seine Entscheidung, ob und inwieweit er eine Krankheit diagnostizieren und behandeln lässt, muss er nicht an einem Maßstab objektiver Vernünftigkeit ausrichten."

     Aus der Pressemitteilung zu der Entscheidung:

    https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/bvg16-059.html

    Für den Fall hier und andere, bei denen "unvernüftige" Entscheidungen zu Behandlungen durch den Patienten getroffen wurden, wird das meist durch den Behandler, angeführt, dass ja der Patient frei entscheiden könne, auch unvernünftigerweise unerforschte, vielleicht gar sehr absurd klingende Verfahren an sich zuzulassen/ zu wünschen.

    Nur sollte das die Pflicht des Behandlers, vorab hinreichende (was ist das im einzelnen Fall) Aufklärung und Informationen zum Verfahren geben zu müssen, auf die eine Entscheidung aufgebaut werden kann, nicht ablösen. Die Aufklärung - auch die Werbeaussagen auf der Homepage gehörn dazu, samt den die Sache betreffenden Links - müsste überprüft werden.





    Copyright K.-U.Pagel 08.2016

1 Kommentar:

  1. Klaus Ross, Heilpraktiker, der Anstoß für die ganze Debatte gegeben hat, hat es inzwischen in "Psiram" geschafft:
    https://www.psiram.com/ge/index.php/Klaus_Ross
    Vielleicht macht die Zusammenstellung dort noch einmal ganz deutlich, dass es sich nicht um ein Problem des Heilpraktikerberufes handelt sondern ganz allein um ein "Problem" mit der Persönlichkeit eines Menschen, der Geld verdienen wollte? Gibt es vielleicht in jedem Beruf, doch in der Heilkunde vielleicht mit schwereren Konsequenzen?

    AntwortenLöschen