Samstag, 18. Juni 2016

Vorsicht mit Pressemeldungen über „Heilerfolge“.

Vorsicht mit Pressemeldungen über „Heilerfolge“.

Es ist heute üblich geworden, dass Artikel zu verschiedensten Themen und auch zugehörigen Produkten (eine Art Werbung?) von Agenturen auch über das Internet an verschieden Stelle, auch Medien, verschickt werden. Die Idee dabei ist, dass der Text übernommen wird und in vielleicht nur abgewandelter Form in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften usw. veröffentlicht werden. Damit wird einer vielleicht Firmenmitteilung höheres Gewicht verliehen, vielleicht auch die Glaubwürdigkeit aufgewertet. Solche „journalistischen Texte“ gibt es auch in Bereich der Heilkunde: Nahrungsergänzungen, Arzneien.


In einem Beitrag mit werbendem Charakter für ein anzumischendes Aminosäurepulver wurde auf einen älteren Artikel in focus-online zu der Wirkung von Glycingaben bei Arthrose verlinkt. Es scheint damit so, als ob dieser Artikel noch benutzt wird, in heutigen Werbung Wirkaussagen zu unterstützen.

Ich habe nachgeprüft.

Link zum Artikel


Überschrift: Arthrose Glycin stoppt Knorpeldegeneration

Aussage 1: „Glycin ist eine Aminosäure, die der Körper selbst aus Fleisch, Fisch oder Milchprodukten herstellen kann. Nicht in allen Fällen gelingt dem Organismus das aber ausreichend – degenerative Erkrankungen des Skelettapparats wie Osteoporose und Arthrose können die Folge sein. Das folgert Patricia de Paz Lugo vom Cellular Metabolism Institute in Tenerifa in ihrer Doktorarbeit.“

Dazu wird Aussage 2 gemacht: „Sie verabreichte den 600 Studienteilnehmern zwischen vier und 85 Jahren, die alle von einer Erkrankung des Knochenapparates betroffen waren, zusätzliches Glycin. Das Durchschnittsalter lag bei 45 Jahren. In allen Fällen besserten sich die Symptome deutlich. „Wir schlussfolgerten daraus, dass viele degenerative Knochenerkrankungen wie Mangelerkrankungen behandelt werden können. Sogar Schmerzmittel wurden überflüssig“, sagte Patricia de Paz Lugo. Eine tägliche Dosis von je fünf Gramm morgens und abends führte zu einer allgemeinen Besserung innerhalb von zwei Wochen und vier Monaten.“

Das wäre eine Sensation (Aussage 2): Ein Mittel, das in allen Fällen von (nicht näher genannten) Erkrankungen des Knochenapparates eine deutliche Besserung der (nicht näher genannten) Symptome bringen würde und das bei Kinder (4 Jahre) wie Senioren (85 Jahre)!

Da müsste man doch in der Fachpresse längst etwas dazu gelesen haben und vor allem müsste diese Studie in den einschlägigen Fachorganen abgedruckt worden sein. Die Studie mit 600 Teilnehmern ist unveröffentlicht. Eine Diskussion in Fachkreisen damit nicht möglich.

Meine Suche führte mich zu einer Mitteilung, die aus der Universität von Granada an die Europäische Union ging.

Überschrieben: „Taking a supplement of glycine, a food additive, helps to prevent degenerative diseases such as arthrosis or osteoporosis“ Contributed by: Universidad de Granada, Servicio de Comunicaci—n

Hier ist von Prävention (soll nicht entstehen) degenerartiver Erkrankungen die Rede (ähnlich wie in einer spanischen Mitteilung, Link am Ende), im focus-Online-Artikel ist die Rede davon, dass Knorpeldegeneration (also schon voll im Gange) gestoppt würde. Wie kommt dieser gravierende Unterschied: Vorbeugungsmittel gegenüber Heilmittel zustande?

Eingeleitet wird der Beitrag mit: „The research, which was carried out at the Cellular Metabolism Institute in Tenerife, studied the effect of the glycine supplement in the diet of a group of 600 volunteers affected by different diseases related to the mechanical structure of the organism.

Diese Studie an Menschen wird nicht ausdrücklich als Doktorarbeit von Frau de Paz Lugo bezeichnet, sondern diesem Institut (Abk. CMI) zugeordnet.

Es heißt in der Mitteilung: Glycine is a non-essential amino acid used by the organism to synthesise proteins and is present in foods such as fish,meat or dairy products. The study, carried out at the Cellular Metabolism Institute in Tenerife and at the Department of Biochemistry and Molecular Biology of the University of Granada by Doctor Patricia de Paz Lugo and supervised by Doctors Enrique Meléndez Hevia, David Meléndez Morales and José Antonio Lupiáñez Cara, established that the direct intake of this substance as a food additive helps to prevent arthrosis and other degenerative diseases, in addition to other diseases related to a weakness in the mechanical structure of the organism, including the difficulty of repairing physical injuries.“

Aufmerksam lesen: Es geht um eine Studie, die allgemeine Aussagen zu Glycin macht, wonach die Gabe helfen könnte, Arthrose und anderes zu verhindern, nicht die Aussage, dass diese Gabe allen Studienteilnehmern (die krank waren, also keine Vorbeugung) Symptomenverbesserungen gebracht habe.

Um welche Doktorarbeit/Studie geht es dabei? Ich konnte die Doktorarbeit (von 2006) über das Internet ausfindig machen: dialnet.unirioja.es/descarga/tesis/47720.pdf

Titel: „Estimulacion de la sintesis de colageno en cultivos celulares“ Anregung der Colagensynthese an Zellkulturen. Kein Versuch mit Probanden.

Daraus abgeleitet die Vermutung: „Posible tratamiento de enfermedades degenerativas mediante la dieta“ Also MÖGLICHE (Vermutung) Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel (meine Interpretation). Dazu jedoch keine Nachweise/ durchgeführten Studien am Menschen in der Arbeit. Das entspricht in etwas der Aussage 1 oben und der hier zuvor zitierten.


Der Text an die EU-Kommission geht weiter: „The work of De Paz Lugo was developed at the Cellular Metabolism Institute (CMI) in Tenerife, where researchers studied the effect of the glycine supplement on the diet of a group of 600 volunteers affected by different diseases related to the mechanical structure of the organism such as arthrosis, physical injuries or osteoporosis. The patients analysed were aged 4-85, and the average age was 45.“

Darin befindet sich eine doppeldeutige Aussage: Die vorher angesprochen Doktorarbeit von Frau de Paz Lugo wurde am CMI entwickelt, das ist sicher nicht falsch, wenn man die Dankesworte in der Doktorarbeit liest. Dort, am CMI haben Forscher (welche?) eine Studie mit Glycin an 600 kranken Probanden durchgeführt. Ganz genau genommen, sind das 2 verschiedene Aussage. Frau de Paz Lugo hat ja gar keine Studien an Menschen vorgenommen in ihrer Doktorarbeit. Und diejenigen, die diese Studie machten, können eine eigene Gruppe sein, zu der Frau de Paz Lugo auch gehören könnte. Aber mit der Doktorarbeit hat das nichts zu tun.

In Aussage 2 des focus-online-Artikels klingt das aber so, als wäre es zur Doktorarbeit gehörig. Es waren aber laut der anderen Mitteilung hier, nicht näher genannte Forscher des CMI.

Klar ist, diese Doktorarbeit (s.o.) gibt keine solche Patientenstudien wieder! Hat Frau de Paz Lugo eine weitere geschrieben?

Es heißt in englischsprachigen Mitteilung: In all cases, there was a notable improvement in the symptomology. “Thefore –according to De Paz Lugo- we concluded that many degenerative diseases such as arthrosis can be treated as deficiency diseases due to the lack of glycine,msince supplementing a diet with this amino acid leads to a notable improvement in symptomology without the need to take pain-killers”

Achtung, Vermischung: Die Aussage, dass in allen Fällen Symptomenverbesserungen )ohne nähere Angaben) erreicht worden wären, beziehen sich auf die „Menschenstudie“. Die Aussage – Frau de Paz Lugo zugeschrieben -, dass vermutet wird, dass Arthrose vielleicht auf Glycinmangel zurückgeführt werden könnte und dass Glycingaben vorbeugend helfen könnten, könnte der Doktorarbeit abgeleitet werden. Aussagen zu Schmerzmittelnotwendigkeit und ggf. der Reduzierung deren Dosierung aufgrund der Glycinwirkung gehen nicht auf diese zurück.

In der Mitteilung an die EU heißt es: „The doctoral thesis carried out at the CMI and the UGR has shown that the capacity of the metabolism to synthesise glycine is very limited. The conclusion of this study is that glycine, administered in daily doses of 10 grams divided into two doses of 5 grams ?one in the morning and one at night? leads to a general improvement in these problems over a period of time which, in most cases, is between two weeks and four months.

Wieder eine Vermischung: Es ist richtig, dass die Doktorarbeit in vitro und in mathematischen Modellen vermuten lässt, dass die Stoffwechselaktivität zur Glycin Synthese begrenzt sei könnte. Aber es wird darin nichts darüber gesagt mit welcher Dosis innerhalb von 2 Wochen bis 4 Monaten Erfolge bei Erkrankten erreicht werden könnten.

Im focus-online Text heißt es: „Sogar Schmerzmittel wurden überflüssig“, sagte Patricia de Paz Lugo. Eine tägliche Dosis von je fünf Gramm morgens und abends führte zu einer allgemeinen Besserung innerhalb von zwei Wochen und vier Monaten.

Das mag eine Aussage sein, die sie als Mitglied eine nicht näher genannten Gruppe von Forschung am CMI macht, aber nicht als Verfasserin der Doktorarbeit. Vermischung verschiedener Dinge.

Eine Doktorarbeit an der Universidad de Granada, Departamento de Bioquimica y Biologia Molecular von 2006 fließt hier in einen (Presse-) Mitteilung von August 2007 ein, zu einer Studie die am privaten CMI -Institut in Teneriffa gemacht wurde.

Über dieses Institut, seinen „Chef“, der auch die Doktorarbeit von 2006 betreute, findet sich:


Das Institut/ er waren im Fokus der Justiz, weil dort – so wurde angelastet – gesetzwidrig Arznei hergestellt und verkauft wurde, auch auf der Basis von Glycin. Der Vertrieb von Glycin u.a. war eine Einnahmequelle des CMI. Die Behörden schlossen dieses Institut, bzw. untersagte Herstellung und Vertrieb der vermuteten Arzneien. 2009 wurde vor den obersten Gerichtshof dann entschieden, dass es sich nicht um Arzneien handelt, sondern nur um Nahrungsergänzungsmittel, deren Herstellung und Vertrieb nicht untersagt werden durfte. Eine Bestätigung, dass die behaupteten medizinischen Wirkungen tatsächlich gegeben sind, ist daraus nicht abzuleiten. Heute klagt der Professor auf Schadensersatz unter anderem wegen entgangener Einnahmen in de Zeit der Schließung in Millionenhöhe.


Die Doktorantin, die den theoretischen Nutzen von Glycin für Bindegewebe der Gelenke u.a. darstellen wollte, war Mitarbeiterin des Institutes und später (während der Zeit des Herstellungsverbotes) auch Coautorin von 2 theoretischen Arbeiten (basierend auf mathematischen Modellen) zu Glycin, die in einem Indischen Fachjounal veröffentlicht wurden.

Man könnte darüber nachdenken, ob die Doktorarbeit von 2006 nicht auch im Interesse des CMI und seines Leiters geschrieben wurde und ob die nicht veröffentlichte angebliche Studie an Kranken von Forschern des CMI 2007 (?) nicht auch diesen Interessen diente? Im Rechtsstreit um das CMI damals?

Ich schließe daraus, dass es sehr viel Vorsicht mit sich bringen sollte, Pressemitteilungen therapeutische Konsequenz zu entlehnen, wenn die Quellen für die Kernaussage nicht nachgelesen werden können und scheinbar Verschiedenes miteinander durchmischt wird. Was aber ohne – wie ich es gemacht habe – intensive Nachprüfungen nicht zu erkennen ist.

Doch was soll der Laie für sich schließen, der das nicht machen kann, weil er zu wenig Fachwissen hat, wenn er liest:
  1. Glycin stoppt Knorpeldegeneration
  2. Sie verabreichte den 600 … , die alle von einer Erkrankung des Knochenapparates betroffen waren, zusätzliches Glycin. ... In allen Fällen besserten sich die Symptome deutlich.
  3. Eine tägliche Dosis von je fünf Gramm morgens und abends führte zu einer allgemeinen Besserung innerhalb von zwei Wochen und vier Monaten.
  4. Sogar Schmerzmittel wurden überflüssig?



Spanische Pressemeldung zu dieser Studie:



Copyright: K.-U.Pagel 06.2016

Kommentare:

  1. vielen Dank fuer diese info, ich wollte das gerade ueberpruefen, ob dieses arthroul hilft, und Sie haben mir die Arbeit schon abgenommen

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  2. Ob Arthroul hilft? Das soll ja nicht nur Glycin sondern noch anderes enthalten. Es ist mir unbekannt, ob diese Mischung in der Zusammensetzung jemals Gegenstand einer Wirksamkeitsüberprüfung war. Es ist mir ja nicht mal klar, wer das herstellt (welche Apotheke) nur ein angeblicher Vertreiber dieser angeblichen Einzelmischung/Rezepturarznei (?)- von dem ich bisher nichts näheres finden konnten, nicht mal die Identität dessen, der in Blogform den Verkauf anbietet wird auf den als Werbung abgebildeten Dosen genannt. Ist das der Herr Ulrich (Vorname) Pharma (Nachname)? Über eine Firma "Ulrich Pharma" - welche Rechtsform? - kann ich im Internet nichts finden.

    Mein Beitrag sollte einfach dazu dienen, mal deutlich zu machen, was so die Presse an Meldungen bekommt und einfach weiterverbreitet.

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  3. ja, das wunderte mich auch, wer dieser Herr Ulrich eigentlich ist, wird so was nicht von den Behoerden ueberprueft? er bietet ja auf seiner webseite den Verkauf an. https://arthroul.wordpress.com/
    Ausserdem hat er noch eine Gruppe auf facebook, Arthrose, was wirklich hilft, die er praktisch zur Vermarktung von Arthroul verwendet, in die ich zufaellig rein geriet, aber gleich wieder ausgetreten bin.

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  4. bzgl. der Pressemeldungen, das war sehr nuetzlich mal darauf hinzuweisen, man glaubt ja eigentlich schon, wenn man solche Meldungen liest, besonders in mehreren Publikationen gleichzeitig wird die Glaubwuerdigkeit erhoeht.

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  5. ich habe gerade Ihre "Unterhaltung" mit Herrn Ulrich gelesen, ist ja laecherlich. Ich schreibe hier, da ich auf google+ nicht weiss, wo ich antworten kann. Der Herr ist aber schon laenger aktiv, siehe http://pharmaberater.de/index.php?/topic/1939-ulrich-pharma/

    und http://abconline.de/deu/company/6831987-Helmut_Ulrich

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  6. Danke für die Informationen.

    Es ging mir hier um Pressemitteilungen. Was bei Google+ an "Unterhaltungen" so läuft gibt aus meiner Sicht dehr zu denken betreffend einer Firma (Einzelperson als Gewerbetreibende?) die zwar Verkaufsangebote macht, aber nicht wirklich "greifbar" ist. Vielleicht kann man daraus etwas erkennen?

    https://arthroul.wordpress.com/2016/08/31/man-kommt-nicht-an-alles-ran/

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