Freitag, 13. März 2015

Kommunikation und Urängste - Missverstehen

Kommunikation – Man erkennt nur was man kennt


Gibt es das „neutrale“ Wort. Ein Wort mit einer absoluten Bedeutung, die unabhängig vom Sprecher oder Hörer gilt (absolut = losgelöst von allem)? Nein.

Das Wort ist ein Symbol für einen ganzen „Haufen“ von Informationen. Dabei ist nur die Information überhaupt von Bedeutung, die in Verbindung mit dem Sprecher oder Hörer steht. Was jemanden nichts angeht, keine Bedeutung für den hat, sein Leben nicht beeinflusst hat oder beeinflussen kann, wird auch nicht gespeichert. Manchmal gleich nach dem Hören oder Lesen vergessen. Das Wort (der Begriff, in dem etwas Erlebtes, Erfahrenes greifbar gemacht wird) ist die Verbindung zur erlebten Vergangenheit und zu dem was daraus kommen kann, zur Zukunft. Die Gegenwart ist so extrem kurz, kürzer als ein Atemzug, der schon Vergangenheit ist, bevor die verbrauchte Luft entweicht.

Man lernt zum einen, um in diesem extrem kurzen Zeitraum des Jetzt zu reagieren auf das, was mit dem gerade Wahrgenommenen als Bedeutung für einen selbst erkannt wird. Das kann man als Instinkt bezeichnen (Reagieren ohne lange bewusst nachzudenken). Hier findet zwar eine Wertung (der Bedeutung) statt – ohne Wertung keine Reaktion auch kein Nicht-Reagieren – aber es findet kein „bewusstes“ Vorplanen für die Zukunft statt. Doch auch beim Instinkt spielt immer die erwartete Zukunft für das Reagieren eine Rolle. Die instinkthafte (automatisierte) Reaktion will vermeiden oder herbeiführen, dass daraus etwas nicht eintritt (Flucht, um z.B. den Tod zu vermeiden) oder „Zugreifen“, um z.B. Hunger abzuwenden.

Im Grunde ist jedes Bewerten einer Information (die nie einzeln auftritt, so kein Wort allein ohne irgend etwas damit verbunden) – auch nur instinkthaft – darauf gerichtet, etwas zu vermeiden, was schaden könnte.

Auch das Streben nach einer Belohnung, nach einer Bestätigung ist nichts anderes. Das Streben danach, das durch „Belohnungspädagogik“ bewirkte Verhalten will verhindern, dass man etwas verliert, was man haben könnte und was in irgendeiner Form Bedürfnisse befriedigen könnte. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht später. Die nicht erhaltene Belohnung wirkt als „Strafe“. Strafe ist die negative Folge einer Handlung oder Unterlassung. Negativ, weil dadurch irgendwelche Signale (Informationen) im Körper entstehen, die Mangel bzw. Schäden anzeigen und befürchten lassen, dass vielleicht in Folge früher oder später der Tod eintreten könnte.

Jede Belohnung beinhaltet die Bestrafung als wirksames Element. Denn es gilt, den Tod zu vermeiden. So raffen manche Menschen Unmengen von Geld und anderen Besitz, um zu verhindern, dass sie irgendwann einen Mangel haben könnten, der zu (tödlichen) Schäden führen könnte. Eine Erkenntnis des Menschen – über jeden extrem kurzen Gegenwartsmoment hinaus – ist, dass es ein „Nachjetzt“ gibt, welches auf den Menschen wirken wird und Reaktionen erfordert. Zu denen man dann in der Lagen sein muss: sonst Tod.

Der Mensch hat die Erkenntnis gezogen, aus dem Kennen von Tag und Nacht, von Jahreszeiten, vom Geborenwerden und Sterben der Mitgeschöpfe, Pflanzen wie Tiere, dass es Werden und Vergehen, Überfluss und (bedrohlichen) Mangel gibt. Der unausweichlich kommen muss (Zyklus der Jahreszeiten).

Ein Überfluss, der in Mangelzeiten das Überleben sichern könnte, wenn man etwas beiseite (Scheune, Vorratslager) legt, beruhigt, befriedet die innere Ur-Angst. Mancher nennt den Zustand des Fehlens solcher Unruhe, solchen inneren Unfriedens, sogar Glücklichsein. („Glück gehabt, dass bisher alles gut ging“). Vermeidet man solche Ur-Ängste, bzw. das Erleben, das mehr oder minder Bewusst werden solcher, kommt man zur Ruhe, dann ist man „sorglos“. Vielleicht ein anderes Wort für „zu-frieden“.

Beim Lernen, dem Speichern von Geschehnissen aus der Vergangenheit für die Zukunft, dem dann „Kennen“, schafft man zum anderen die (Erfahrungs-)Grundlage, um daraus (bewusst) Schlüsse zu ziehen, was in der Zukunft geschehen könnte. Grundlage auch auf vielleicht vorhandene Handlungsmuster (Erfahrungen) zurückgreifen zu können, um Nachteiliges zu vermeiden. So auch den Nichterhalt einer Belohnung, eines Bonus oder das Eintreten einer mutmaßlich schädigenden Situation

Das macht schon deutlich, was da alles an Informationen zusammenhängend abgespeichert wird. Nicht ein isoliertes Wort, nicht nur ein neutrales Bild eines Löwen. Sondern die Bedeutung, nämlich, dass ein Löwe angreifen kann und töten. Jedes Wort, die greifbare gemachte inneren Empfindungen und Bilder, die man damit speichern und ausdrücken möchte, hat auch diese umfassende Bedeutung.

Das Wort Löwe lässt, ohne lange erklären zu müssen, automatisch aus den eigenen Erfahrungen oder den mitgeteilten Erfahrungen anderer (Lehrer, Eltern, usw.) ein ganzes Kenntnisgefüge entstehen. Kenntnisgefüge auch über die Bedeutung für das Überleben, die mit Löwe verbunden ist. Wenn andere aus ihren Erfahrungen darüber etwas mitteilen (unterrichten), dann ist es von Wichtigkeit, dass irgendwie die Bedeutung, die dieser Löwe für den Mitteilenden hatte, vom Lernenden nachempfunden werden kann, durch Empathie diesem zu eigen wird. Da muss auch im Erzählen, im Unterrichten irgendetwas an Informationen über das „neutrale“ Wort hinaus rüber kommen. Lernen, ohne dass einen Bedeutung für den Lernenden selbst prospektiv erkennbar wird, ist schwer oder gar unmöglich. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“. So auch in der Kommunikation, jeder kommunizierte Information, jedes Wort wird auch mehr oder minder bewusst für das Leben des Empfängers „bewertet“. Und das über das Erkennen von bereits Bekanntem.

Auch wenn von einer wunderbaren Mahlzeit mit vielen Köstlichkeiten gesprochen wird, schwingt in der Erzählung immer mit, wie wunderbar sich der Genießende von der Angst befreit sah, (zumindest im Moment) die Gefahr des bedrohlichen Mangels nicht mehr zu spüren. Ein Festmahl bekommt seine gehobene Bedeutung, weil durch die Fülle der (vorübergehend) befriedigenden Informationen die Ur-Angst verdrängt werden kann.

Wer immer Belohnung sucht, Befriedigung seiner Bedürfnisse, scheinbar ständig Erfolg haben muss, sich z.B. sogar in Extremsportarten beweist („Adrenalinkick“) ist im Grunde genommen so von der Angst gebeutelt, dass er massiv „Gegensteuern“, muss. Er muss immer wieder neu erleben, dass er es doch schaffen kann, egal was kommt. Letztlich ist das der Boden, auf der einen Sucht entsteht. Man ist abhängig davon, dass das momentan Befriedigende – im Moment die Ängste Besänftigende – immer wieder neu da ist. Wie ein Säugling die Eltern spüren muss, um keinen Angst zu haben. Doch die Angst geht nicht weg. Sie wächst schon dadurch weiter, dass befürchtet werden könnte, dass eben diese (nur vorübergehende Schein-)Befriedung nicht mehr da sein oder ausreichen könnte.

Alle Ressourcen unserer Welt sind begrenzt. Was man heute aufisst, ist für den Esser dann morgen weg. Hoffentlich wächst dann Neues nach. (Kommen wir wieder zur Ur-Angst). Der Mensch, so wie er seine sozialen, gesellschaftlichen Gefüge geschaffen hat, weiß das nicht alle alles und immer haben können. Er weiß, dass man ein Stück Kuchen nur einmal essen kann und dass, wenn mehrere darauf warten, nur einer das ganze Stück (damit die ganze Befriedigung) haben kann. Die Erkenntnis, wenn Du es nicht nimmst, nimmt es ein anderer (und du hungerst weiter) kann gerade bei solchen Menschen, die durch Vorräteanhäufen ihre „Zukunftsangst“ ständig mindern müssen, dazu führen, dass die Schädigung des Mitmenschen, dass ihn Ausstechen, Austricksen, das Besser- (damit erfolgreicher im Raffen) Sein ihr Handeln und damit auch die Kommunikation („Hinterlist“) bestimmt.

Die innere Gestimmtheit, das sich innerlich (heimlich) auf Handlungen (gegen den Anderen) Vorbereiten, macht sich im Regelfall durch ganz viele Informationen auch am Körper des Betreffenden bemerkbar. Mit vielen scheinbar unbemerkten kleinen „Dingen“: Hautdurchblutungs-(änderung), Körperspannung (auch Mimik), (scheinbar nicht wahrnehmbarer) Körpergeruch usw. Die Stimme, die Lautstärke, die Sprechmelodie gehören dazu und einiges mehr.

Erst im gesamten gleichzeitigen Zusammenwirken mit dem Wort kann erkannt werden, was tatsächlich an Absicht hinter dem Wort steht. Absichtslose Kommunikation gibt es nicht.

Auch die rein schriftliche Kommunikation kennt „Hilfen“, das Verständnis von Worten zu lenken. Beiworte, scheinbare Füllworte, können über den Schreibenden etwas sagen, können Hinweise auf dessen innere Gestimmtheit beim Schreiben geben (Absichten verraten). Eine schriftliche Kommunikation will besonders sachlich wirken, wenn sie auf alles das verzichtet.
Tatsächlich wird sie in der Bedeutung für den Lesenden, in der Aussage, die diesen betreffen könnte, völlig unklar, missverständlich. (Dadurch bedrohlich). Das ist dann ein Grund, besonders misstrauisch zu werden, gespannt zu erwarten, was der Andere wirklich will, was er vielleicht machen wird – Nachteiliges, denn das gilt es zu vermeiden.
Jede unklare Aussage, vielleicht sogar eine Aussage, bei der Worte und nonverbale Informationen nicht zusammenzupassen scheinen, müssen alarmieren, wenn man keine Folgen haben will, die man als schädlich kennt. Wer sich verbirgt, wer sich tarnt, ist – so lehrt es die Biologie – der potenziell gefährliche Feind, der einen Fressen will oder wertvolle Vorräte an sich reißen will.

Daraus resultiert auch die „Fremdenfeindlichkeit“, die eher eine natürliche Vorsicht gegenüber dem ist, dessen Absichten man nicht kennt. Der nicht den Regeln zuzuordnen ist, die in der eigenen Gesellschaft gelten.

Auf die kann man sich aber leider längst nicht mehr verlassen, weil zu viele (nach entsprechender Verleitung) Erfolg darin haben wollen, den anderen zu „übervorteilen“ um sich selbst in eine „angstmindernde“ Habensituation zu bringen.

Auch die Kombination von Worten hat aus der Erfahrung einen Aussagewert bekommen: Man hat gelernt, dass jemand der davon spricht, dass er nur „mein Bestes will“, damit seinen eigenen Vorteil meint, indem er das Gute, was ich habe, zu „ergaunern“ versuchen könnte. Man hat gelernt, dass jemand, der immer nur das scheinbar Gute und Vorteilhaft hervorhebt, zu oft von Nachteile ablenken wollte. Nachteile, die er dem anderen bereiten wollte.

Man kann eben nicht alles glauben, was im reinen Wort scheinbar ausgedrückt werden soll. Es ist immer mehr damit verbunden. Die Erfahrung bestimmt, wie solche Informationen gewertet werden. Und das ist biologisch auch überlebens-sinnvoll.

So muss sich jemand, der sich beschwert, man habe ihn falsch verstanden, fragen, welche Informationen er dem (wachsamen) anderen gegeben hat. Oft hat das Gegenüber, der Leser, nicht wirklich falsch verstanden. Vielmehr kann er geheime Absichten erkannt haben, die man dann mit dem Vorwurf, falsch verstanden worden zu sein, aggressiv ableugnen will.

Doch auch die Erfahrungen des Lesers, des „Angesprochenen“, bestimmen, wie intensiv (versteckte) „Botschaften“ überhaupt gesehen werden und gar als Bedrohung empfunden werden.

Wer wirklich nur falsch verstanden wurde und keinerlei heimliche arglistige Absichten hatte, wird das – ohne Aggressionen gegen den „Entlarver“ – gerne richtig stellen, vielleicht irgendwie anders erklären. Aber wer sich „entrüstet zeigt“ über die Wirkung seiner Worte, sollte sich fragen warum – er kennt die Antwort doch: Entdeckte Hintergedanken.

Copyright K.-U.Pagel  03.2015




Mittwoch, 4. März 2015

Diabetes und gesellschaftliche Bedingungen

Krankheit Diabetes Ausdruck sozialer/wirtschaftlicher Seuche?

Ein anderer psychosomatischer, tiefenpsychologischer Blick.

„Die Diabetiker werden immer jünger. Und so ist die Zuckerkrankheit schon lange keine "Alterszucker"-Krankheit mehr.“

„Wenn jüngste Schätzungen sich als richtig erweisen, wird im Jahre 2050 einer von drei Amerikanern an Diabetes erkrankt sein.“

„In Deutschland haben wir vergleichbare Zahlen zu erwarten.“

So liest man. Und die Gründe werden genannt: Bewegungsmangel, falsche Ernährung, insbesondere Zucker, (Folge) Übergewicht.


Vielleicht eine zusätzliche/andere Idee zur Diabetesentstehung:

Haben wollen, möglichst noch alles raffen wollen, solange es noch etwas gibt, was einem scheinbar gut tut. Aus (verdrängter) Existenzangst noch Vorräte ansammeln, solange es noch geht. Süßes (Sättigungsgefühl) ist "Seelenbalsam", der beruhigt.

Diabetes ein Zeichen unserer Zeit der Verunsicherungen? Schnell noch die Angst vor den bevorstehenden mageren Jahren verdrängen?

Süßes signalisiert auch "Wohlbehagen" dadurch, dass es schnell "Bedrohungsempfindungen, Mangelzeichen" (durch absinkende Blutzuckerspiegel empfunden) aufheben kann. Selbst wenn der Blutzuckerspiegel noch normal ist, ein weiterer Anstieg kann "Sicherheit vor Absinken dieses Spiegels" kurzfristig vorgaukeln, beruhigend wirken.

Ernährung als Hilfe gegen/bei Diabetes - und auch Auslöser? Ja. Aber Grund für Über-und Fehlernährung vielleicht das Gefühl, solange es noch geht, die Scheunen füllen zu müssen und noch mal zu genießen (Süßes)? Bewegungsmangel als Symptom, gespeicherte Energieträger möglichst bewahren zu wollen (Winterschlafeffekt) - für befürchtet schlechte Zeiten? Wir fragen uns noch, warum auch Übergewichtigkeit zu nimmt?

Ein Beispiel für das bildhafte „Absinken des Blutzuckerspiegels“ aus der Gesellschaft: Arbeitsplätze (früher "sicher wie die Rente") werden für die Zukunftsplanung immer bedrohlicher: Bekommt man einen? Befristung, und dann? Trotz mehr Arbeitsplätzen steigt die Armut? Kann mich das auch treffen? Der Mittelstand wird scheinbar größer - durch Abstieg von ehemals Reichen (nicht Aufstieg von Armen). 

Solche Ängste sind ein schon lange in den USA epidemisch grassierendes "Krankmachphänomen". Die USA geht mit Diabetesfällen (und Übergewichtigen) nicht ohne Grund voran.

Klar, dass das alles Angststress macht. Um so mehr, je mehr die Politik uns vorgaukelt, dass es uns immer besser geht. Zum Beispiel indem man Statistiken bestellt und nach Gusto interpretieren.



Stress ist auch eine notwendige Alarmierung zu Kampf-oder Fluchtbereitschaft. Doch was soll man tun, wenn das Befürchtete zum Hirngespinnst erklärt wird? So wird Stress zum krankmachenden Dysstress. Und der braucht irgendwelche „Verdrängung“, Besänftigung.

Dem Armen in den USA wurde und wird immer wieder vorgemacht, dass es ihm deswegen gut geht, weil er die Chance hätte, vom "Tellerwäscher zum Millionär" zu werden. Nun gewinnt auch hier bei uns immer wieder jemand im Lotto mit Superzahl. Chance 1: 140.000 000.

Doch solche vagen Hoffnungen wirken nicht wirklich beruhigend, Stress lösend. Darum:  möglichst kalorienreich und (weil billig) viel essen, bei möglichst wenig Kalorien raubender Bewegung. Und gerne Süßes, denn das erinnert (unterbewusst) auch das wohlige Gefühl, wenn als Säugling die unklare innere Bedrohung durch abfallenden Blutzuckerspiegel durch süssliche Milch besänftigt wurde (orale Regression).


Solche Ideen, die den gesellschaftlichen sozialen, wirtschaftlichen Bedingungen (Mit)„Schuld“ an der Zunahme bestimmter Erkrankungen zuweisen, werden gerne ausgeblendet. Lieber die Schuld dem Fehlverhalten des Betroffenen geben. Bei anderen Krankheiten, so Krebs wird nun zunehmend auch das „psychosoziale Umfeld“ zum zu beachtenden Bereich erkannt. Hämatologen und Onkologen (Blut-und Krebsärzte) erwägen die Einführung eines entsprechenden „Screeningverfahrens“. Burn-out als Kranheitsverursacher/Auslöser vieler Beschwerden ist akzeptiert worden.

Doch beim Diabetes fehlt noch immer der (auch hirnphysiologisch und psychologisch notwendige) Blick auf Zusammenhänge. Übrigens auch beim Übergewicht.

Copyright K.-U.Pagel 03.2015