Donnerstag, 8. September 2016

Kritik an Homöopathie trifft Ärzte und Heilpraktiker gleichermaßen

Homöopathiekritik - Ärzte und Heilpraktiker gleich behandeln!

Wenn, wie derzeit mal wieder, die Homöopathie als "Pseudoheilkunde" gar als "Patiententäuschung" in der Kritik steht, wird gerne damit auch der Beruf des Heilpraktikers in einen Topf geworfen.
Ja, es gibt Heilpraktiker die angeben, Homöopathie zu betreiben. Was sie damit wirklich meinen, bleibt genau so unklar wie bei Ärzten, die angeben, Homöopathie zu betreiben. Inzwischen wird dieser Begriff für vieles verwendet, das irgendwie wie "alternative Medizin", "Energie-, gar Quantenmedizin" (hochwissenschaftlich erklärt!), mit "Feinstofflichkeit" und geistiger Heilkunde zu tun haben soll:

Vieles, was einfach aus Fehlinterpretation des Wortgebrauches und der Bildersprache der Zeit von Samuel Hahnemann (in seinem Organon benutzt) in eine Denkwelt des "Spirituellen", und der Umdeutung moderner Physik gebracht wird.
Immer, wenn ich Kritik an der Homöopathie lese, finde ich an sich nur Kritik an den Interpretation und Neuerfindungen von Hahnemanns umfassender Lehre. Eine Kritik, die ich als seit fast 35 Jahren praktizierender Heilkundler (auch bewusst Homöopathie) oft nachvollziehen kann und zum Teil auch teile.

Beispiel für solche Kritik findet sich auf:

Informationsnetzwerk Homöopathie.

Dort finde ich Ausführungen zum Unterschied zwischen Homöopath und Heilpraktiker - und bin über die Verwirrung im Bezug zum Thema Homöopathie dort verwundert:

Ich zitiere:




>Als Arzt: Man studiert mindestens 6 Jahre lang Medizin, macht meist weitere fünf Jahre eine Facharztausbildung (das heißt, eine Spezialisierung für ein medizinisches Fachgebiet), absolviert in dieser Zeit drei Staatsexamina und mindestens eine Facharztprüfung. Dann absolviert man mindestens 100 weitere Stunden (vor 2004 sogar 300 Stunden) Homöopathie-Weiterbildung als eine Zusatzausbildung für die geschützte Zusatzbezeichnung Homöopathie (3), die man nach einer weiteren Prüfung (vor der Ärztekammer) erhält und darf sich fortan Homöopath nennen.
>Als Heilpraktiker: Man bereitet sich in Eigenregie oder an speziellen Schulen auf eine Prüfung (durch einen Amtsarzt) vor, in welcher der medizinisch sonst nicht ausgebildete Antragsteller zu beweisen hat, dass er über so viele medizinische Kenntnisse verfügt, dass er "keine Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt. (2) "Für die Heilpraktiker-Ausbildung selbst müssen keine weiteren Voraussetzungen erfüllt sein. Die Frage der Vorqualifikation muss sich jeder Schüler selbst beantworten. Der Zeitaufwand ist abhängig von der fachlichen Vorbildung. Schülerinnen und Schüler ohne medizinische Vorkenntnisse haben einen höheren Lernaufwand" (4). Die weitere Ausbildung zum Homöopathen ist frei bestimmbar. Es gibt zwar die Möglichkeit von Prüfungen durch Heilpraktiker-Schulen, sie sind jedoch kein Muss. (5)
Im Grunde wird nur der Unterschied im Werdegang des Arztes und des Heilpraktikers aufgeführt. Staatlich geregelte Ausbildung - Staatsexamen versus Ausbildung auf freiwilliger Basis (was, wo wie wie lange usw.) und nur "Unbedenklichkeitsüberprüfung".

Doch zur Homöopathie eigentlich nichts. Da, gerade auch nach der Überzeugung des Informationsnetzwerkes, die Homöopathie eine "Irrlehre" ist, ohne jede wissenschaftliche Grundlage, wundere ich mich, dass eine Ausbildung hier (auf welcher Grundlage?) sogar zu einer Fachgebietsbezeichnung für Ärzte führen kann. Fachgebiet ohne tatsächlichen medizinischen Inhalt?

Wenn man die ganzen Kritikpunkte des Informationnetzwerkes liest, könnte man zum Schluss kommen, dass Ärzte - trotz ihrer langen Ausbildung - aus unerfindlichen Gründen diese Heilweise nicht nur betreiben sondern gar "fachlich" lehren. Müssten sie es nicht besser wissen? Und was macht deren Ausbildung so besser als die, an denen Heilpraktiker freiwillig teilnehmen? Unterrichten da nicht sogar auch Homöopathieärzte bei Unterrichten in Homöopathie für Heilpraktiker?

Sollte sich da nicht die Kritik gerade an Ärzte richten und die Frage gestellt werden, ob man Ärzten überhaupt die Homöopathieanwendung noch erlauben sollte? Noch bevor man sich gegen die Heilpraktiker - die es ja gar nicht besser wissen können (?) - wendet.

Copyright K.-U.Pagel 09 2016 


Ergänzung am 09.09.2016 

Chaos geht weiter - alternative Heilkunde durch Heilpraktiker verbieten aber nicht durch Ärzte?

Was soll man davon halten? Habe ich gestern noch geschrieben, dass man betreffend Homöopathieausübung (als angeblich unwirksames Verfahren) Ärzte und Heilpraktiker gleich behandeln soll, lese ich in der Süddeutschen Zeitung online:
>Neue Zweifel an Heilpraktikern
Da wird Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses, des höchsten Organs der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen zitiert:
>Behandlungen durch Heilpraktiker sollten verboten werden, wenn deren medizinischer Nutzen nicht erwiesen sei, sagte er. Das dürfte auf die meisten Therapieangebote der Heilpraktiker zutreffen - anders als bei der Schulmedizin gibt es in der Naturheilkunde kaum evidenzbasierte Behandlungskonzepte. Heilpraktiker müssen laut Gesetz auch nicht nachweisen, dass ihre Methoden helfen - sie müssen nur sichergehen, dass sie nicht schaden.
Ist diesem Menschen nicht klar, dass auch Ärzte solche Verfahren anwenden und auch Kassenpatienten als Selbstzahlerleistungen verkaufen? Müsste nicht da auch die Kritik ansetzen: Ärzte dürfen keine Verfahren mehr anwenden, von denen sie nicht NACHWEISEN können, dass sie helfen? Geht es um Verfahren, die nicht helfen als solche, oder darum, die Geschäfte von Ärzten - zusätzlich zum Krankenkassengeschäft - konkurrenzfrei zu schaffen?
Es ist schön, wenn der Kollege Siewertsen von den Freie Heilpraktiker e.V. mitteilt, dass sein Verein dem die Diskussion auslösenden Heilpraktiker - falls dieser Mitglied wäre - eine "Ansage" gegeben hätte. Vielleicht schärft das den Blick?
Doch unschön ist die verklärende Aussage:
>Der Präsident des Fachverbands deutscher Heilpraktiker, Christian Wilms, indes wehrt sich gegen den Eindruck, dass Heilpraktiker ungenügend überwacht würden. Die Gesundheitsämter würden die Praxen der Heilpraktiker regelmäßig kontrollieren, und wenn es Beschwerden gebe, werde diesen nachgegangen.
Das tut so, als wäre alles in bester Ordnung, verklärt aber die Praxis: Es gibt kaum Kontrollen - und die noch von Region zu Region verschieden. Es geht dabei nicht um Methoden und die Kenntnisse, aufgrund derer diese angeboten werden.
 
Es kommt in der Öffentlichkeit nicht als Glaubwürdigkeitsverstärkung an, wenn solche verklärenden Aussagen getroffen werden. Dann besser die Aussage: Wir wollen selbst in unserem Bereich (Vereinsmitglieder) künftig noch genauer hinsehen und bitten unsere Mitglieder deswegen darauf zu achten, ob ihnen in ihrem Bereich etwas auffällt, angefangen schon von Anpreisungen, die gegen das Heilmittelwerbegesetz verstoßen. Da gibt es noch zuviel an Patientenirreführungen.
Hat denn niemand von den tätigen Heilpraktikern in der Gegend um Moers die wahrscheinlich gegen das HWG verstoßende Anpreisung gelesen? Von der berichtet wird:
>Es sei das "aktuell beste Präparat zur Tumorbehandlung", hieß es auf der Internetseite des alternativen Krebszentrums, "effektiver als die heutigen Chemotherapeutika".
Ein Patient, der so etwas liest - und kein Fachmann ist - fällt (vor allem, wenn er in Not ist) schon mal "darauf rein".
 
Meine Erfahrung in der Vergangenheit war, dass man mit den Vereinen, in denen jemand, den man auf solche Rechtsverstöße hingewiesen hat, Mitglied ist, schnell "Ärger" bekommt, weil sie ihr Mitglied schützen wollen. Nicht aber selbst dem Mitglied gegenüber tätig werden wollen.
Tags zuvor war in der gleichen Quelle zu lesen:
>"Gute Heilpraktiker kennen ihre Grenzen"
Da kann ich nur bestätigend schreiben: Ja, das tun solche!
 
Im Interview wird betont:
>Ich glaube, dass es viele Heilpraktiker gibt, die sehr gute und wichtige Arbeit leisten, basierend auf einer fundierten Ausbildung. Allerdings bislang nur auf ihre eigene Initiative. Gute Heilpraktiker kennen ihre Grenzen und wissen, wann es an der Zeit ist, ärztliche Spezialisten einzubeziehen. ...
>Der subjektive Eindruck ist wichtig, aber der kann trügerisch sein. Wenn fundamentales Fachwissen fehlt, kann die Situation gefährlich werden, selbst wenn der Patient sich noch so wohlfühlt. Zudem werden im Internet unseriöse und sogar kriminelle Therapieangebote verbreitet. Skrupellose oder sich selbst überschätzende Heiler spielen mit den Hoffnungen und Ängsten der Patienten und machen Angebote, deren Wirkungen und Risiken in keiner Weise untersucht sind und die zudem häufig viel kosten.
Und dann endlich mal der Hinweis:
>Natürlich müssen sich auch Ärzte selbstkritisch fragen, wie gut sie ausgebildet sind, um den jeweiligen Patienten angemessen zu behandeln. Jeder Arzt und Wissenschaftler wird sich auch an Fälle erinnern, wo sich Ärzte fachlich überschätzt haben.
Ich hätte mit gewünscht, dass der Zusatz noch gekommen wäre: "Die Ärzte müssen sich auch selbstkritisch fragen, wie gut sie in gerade den alternativen Verfahren ausgebildet sind, die sie gerade im Studium nicht erlernt haben. Und wie weit sie dem Wissen, das sie im Studium erhalten haben, damit entgegen stehen. Denn um solche geht es doch auch in der Debatte um den Heilpraktikerberuf.

Samstag, 20. August 2016

Heilpraktiker: Achtung! Lebensgefahr?

Heilpraktiker: Achtung! Lebensgefahr?


Ein Fall hat es in die Heute-Nachrichten (1) gebracht (19.08.2016)

Tod durch Umstrittenes Krebsmittel?
In der Pressemitteilung der Polizei Mönchengladbach (2) liest es sich so:

Historie Am Mittwoch, dem 27. Juli wurden in der Klaus-Ross-Klinik fünf Behandlungen durchgeführt. Am Donnerstag, dem 28. Juli ist nach dieser Behandlung eine 55-jährige belgische Frau in Nimwegen verstorben, am Freitag ein 55-jähriger Mann aus Apeldoorn. Am Samstag, dem 30. Juli ist eine 43-jährige Frau aus Wijk en Aalburg nach der Behandlung in Mönchengladbach verstorben. Derzeit ist bekannt, dass zwei niederländische Frauen stationär in ein Krankenhaus aufgenommen wurden, die ebenfalls in diesem Krebszentrum behandelt wurden. Über deren Alter, Wohnort und ihren Gesundheitszustand kann die Polizei derzeit keine Angaben machen.“

Noch keine Nennung der Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“.

Verschiedene andere (online) Presseorgane nehmen sich der Sache an. Z.B. welt.de (3):

"Die seltsamen Tode in der alternativen Krebsklinik“

Dass etwas schiefgegangen ist, daraus macht Klaus Ross kein Geheimnis. Auf der Internetseite des nach ihm selbst benannten "Zentrums für alternative Krebstherapie" in Brüggen am Niederrhein schreibt der Mann am Donnerstag, dass kürzlich einer seiner Patienten unerwartet verstorben sei. Man sei schockiert, so Ross, der den Angehörigen sein Beileid ausspricht.
Allerdings, auch das macht er klar, könne es nicht sein, dass seine Klinik für den Todesfall verantwortlich gemacht wird. Wirklich nicht?“

Auch hier noch nicht das Wort „Heilpraktiker“:

Aber in focus.de (4) dann der Bezug zu Heilpraktikern und alternativen Behandlern:

So können Krebspatienten sich vor gefährlichen Wunderheilern schützen
Heilpraktiker und andere, die alternative Behandlungen anbieten, bewegen sich unter Umständen in einem Graubereich“, sagt Weg-Remers.“

Und dann expliziter, zeit.de (5) den Heilpraktiker genannt:

In der Praxis des Heilpraktikers, die als Klaus-Ross-Zentrum vor allem in den Niederlanden Werbung machte, wurde den Patienten möglicherweise auch der Stoff 3-Bromopyruvat verabreicht. Jedenfalls steht die Substanz als eins der Behandlungsmittel auf der Website des Zentrums. 3-Bromopyruvat ist noch in der Grundlagenerforschung, die Polizei warnt vor der Einnahme und will nun untersuchen, ob die verstorbenen Patienten mit der Substanz behandelt worden sind.“


Der Vorgang hat Reaktionen gegen den Heilpraktikerberuf und seine Befugnisse hervorgebracht.

In der DAZ.online (6) wurde beklagt:

"Patientenschützer kritisiert Gröhe wegen Krebsheilern“

Es kann nicht sein, dass ein Klempner oder eine Pommesbude stärker unter Aufsicht der Behörden steht als ein medizinischer Dienstleister“, erklärte Patientenschützer Brysch gegenüber der „Welt“. Gesundheitsämter wie jene im Kreis Viersen, in dem das „Biologische Krebszentrum“ liegt, seien für die Erfassung und Überwachung der Berufe im Gesundheitswesen zuständig. Sie müssten verhindern, dass es Scharlatanerie gebe: Eine Pommesbude werde laut Brysch schließlich auch einmal im Jahr kontrolliert.“

Die gleiche Stelle legt mit einem Interview nach – DAZ.online (7) -:

"Die Heilpraktiker-Erlaubnis sollte begrenzt werden“

Rudolf Henke: In der Schweiz wurde nach einem Diskussionsprozess eine Liste von Kompetenzen zusammengestellt, andere wurden ausgeschlossen. Ich denke, dass man diese Diskussion führen muss und führen wird. Im neunzehnten Jahrhundert konnte die Medizin nicht so viel bieten wie heute – da gab es keinen Unterschied, ob man zum Arzt, zum Heilpraktiker oder zur Kräuterfrau ging. Heute haben wir eine der besten Ärzte-Ausbildungen weltweit und eine große Bandbreite an Fachrichtungen in der Medizin, vom sprichwörtlichen Seelendoktor bis zum hochspezialisierten Neurochirurgen. 
Schon aus Gründen der Patientensicherheit frage ich mich deshalb, ob man die Heilpraktiker-Erlaubnis so undifferenziert erteilen soll wie bisher – oder muss man über Begrenzungen oder Konkretisierungen der Erlaubnis nachdenken? Das ist glaube ich der Weg, den man gehen sollte.“


Ist es also nach den derzeitigen Regelungen lebensgefährlich, einen Heilpraktiker oder anderen alternativen Therapeuten aufzusuchen?
Ja und nein, wie auch bei Ärzten und anderen Therapeuten.

Das Problem liegt bei der Person selbst – ob Heilpraktiker oder Arzt -, die die Heilkunde ausübt. Dort wo Selbstkritik und richtige Einschätzung der eigenen Möglichkeiten das Handeln bestimmen sollten. Der Wunsch auf gutes Einkommen könnte manchmal Bedenken gegen das eigene Tun überwiegen und so manche ideologieartige Festlegung auf scheinbar „heilungsbringende“ Ideen und Thesen. Gerne wird dabei auf pseudowissenschaftliche Darstellungen zurückgegriffen, irgendwelche Verbindungen mit früheren Nobelpreisträgern hergestellt und gerne darauf verwiesen, dass der „arme“ Propagandist des/der Verfahren nur aus Konkurrenzgründen der Schulmedizin und/oder wirtschaftlicher Interessen verfolgt und diskreditiert wird. Leider kann auch das Letztere für manchen – Heilpraktiker wie Arzt – fast schon die besondere Glaubwürdigkeit der Thesen unterstreichen.

Die Anwendung vom umstrittenen Verfahren, besonders in der alternativen Krebsbehandlung ist keinesfalls auf Heilpraktiker zu beschränken. Auch so mancher Arzt wendet gleiches oder ähnliches an. Vielleicht wird das als weniger problematisch angesehen, weil man davon ausgeht, dass Ärzte vielleicht besser abschätzen könnten, ob und bei wem das überhaupt versucht werden könnte und dazu die fachkundigere (Experimental-)Therapiekontrolle ausüben können. Wegen der geregelten Ausbildung und der Fachkundeprüfung Staatsexamen.

Im Interview (7) meint

Rudolf Henke: Ich kann den Anspruch auf eine Heilpraktiker-Erlaubnis geltend machen, wenn ich mindestens 25 Jahre alt bin, keine ansteckenden Krankheiten habe, nicht geisteskrank und unbescholten bin und den Hauptschulabschluss besitze. Dann wird in einer zweistündigen Prüfung getestet, ob es Hinweise gibt, dass für die Volksgesundheit eine Gefahr ausgeht. Dabei fallen 50 bis 75 Prozent durch, das ist also nicht simpel. Aber mehr ist das nicht: Es hat nichts mit einem Staatsexamen oder einer qualitätsgesicherten Ausbildung zu tun. Es gibt immer wieder fachliche Streitereien mit den Gesundheitsbehörden, die die Prüfungen abnehmen – wenn Heilpraktiker das Gefühl bekommen, dass die Prüfungen zu fachlich sind.“


Nun ist das Wort „Prüfung“ in dem Zusammenhang falsch und irreführend. Es handelt sich lediglich um eine „Überprüfung“ zur Gefahrenabwehr, die negative Kriterien feststellen soll, dass durch die Tätigkeit der Person keine Gefahren für die Volksgesundheit ausgehen. Dazu ist eben keine Fachkunde zu zeigen, aus der ein Nutzen für den Patienten abzuleiten wäre, wie in einer Prüfung.


Unabdingbares Grundwissen im medizinischen Bereich ist gefragt. Das soll sicher stellen, dass Krankheitszustände erkannt werden können und vor allem auch drohende Gefahren für den Patienten, damit entsprechende Maßnahmen (auch durch den Arzt) dann angestoßen werden können. Dazu muss man nicht wissen, wie der Stoffwechsel einer Krebszelle (und dann welcher der vielen Krebsarten) genau funktioniert. Man muss nicht biochemisch genau wissen, wie die in den Fällen hier eingesetzte Substanz tatsächlich wirken könnte. Auch die spezielle Pharmakologie ist kein Wissensgebiet, das für die Überprüfung maßgeblich sein kann – außer vielleicht zu den Präparaten, die in Standardtherapie der „Massenkrankheiten“ eingesetzt werden. Dazu gehören die gängigen Entzündungshemmer und Schmerzmittel, klassische Blutdrucksenker, Antibiotika und Diabetesmittel. Doch spezielle und dann noch nicht mal wirklich erforschte Krebsmittel? Die müssen nicht gekannt werden.


Da setzt das Heilpraktikergesetz mit seinen Durchführungsverordnungen auf die Einsicht und Sorgfalt des jeweiligen Heilpraktiker: Nur tun, was man sicher kann und sich genauestens über eingesetzte Mittel in Kenntnis setzten. Freiwillige Basis, Vertrauen in den Behandelnden.


Im Interview (7) macht sich der Politiker und Arztfunktionär Gedanken:


Rudolf Henke: ...
Eine Frage ist auch, wo man ansetzt. Der Bund hat im Gesundheitsbereich keine Kompetenz, die Berufsausübung zu regulieren, sondern nur für die Ausbildung – die kann er regeln. Das „Deutsche Reich“ hat sich unter den Nazis gegen eine Regulierung der Ausbildung der Heilpraktiker entschieden, daran haben alle Parlamente seitdem festgehalten. In diesem Bereich hätte der Bund eine Kompetenz.“

Der Gesetzgeber 1939 hat in seiner Begründung zum Heilpraktikergesetz (HPG) schon den Patientenschutz im Blick gehabt (A/B):

"Es konnte dabei nicht ausbleiben, daß sich auch fachlich unfähige und charakterlich minderwertige Personen auf diesem Gebiete betätigten und durch unzweckmäßige Behandlungsmethoden gesundheitliche Schäden anrichteten. Die hierzu berufenen Stellen haben daher seit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus Mittel und Wege geprüft, um diese Mißstände zu beseitigen und dem deutschen Volke eine einwandfreie gesundheitliche Betreuung sicherzustellen."


Auf der einen Seite sollten nach 1939 keine Heilpraktiker mehr zum Beruf zugelassen werden. Es gab gemäß der Durchführungsverordnung (DVO) zu diesem Gesetz einen Termin, bis zu dem der Antrag auf Tätigkeit als Heilpraktiker gestellt sei musste. Danach war keine Erlaubnisbeantragung mehr möglich.

Abgesehen von einer Sonderregelung nach HPG §2, die aber nicht zur Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ sondern zur Bezeichnung (§§8 und 9 der DVO) (A) „Arzt für Naturheilkunde“ führte, war der Weg in den Heilberuf, ohne Medizinstudium dann verwehrt.

Es gab bis 1939 schon eine in gewisser Weise geregelte Ausbildung zum Heilpraktiker, an den Schulen des Reichsheilpraktikerbundes, dessen Schüler gemäß DVO auch den Antrag nach den HPG stellen durften, auch wenn sie bisher die Heilkunde nicht ausgeübt hatten:

DVO § 1(2) (A/B)
(1) Wer bei Verkündung des Gesetzes, ohne als Arzt bestallt zu sein, die Heilkunde am Menschen berufsmäßig ausgeübt hat und sie weiter ausüben will, hat die Erlaubnis bis zum 1. April 1939 bei der für seinen Niederlassungsort zuständigen unteren Verwaltungsbehörde zu beantragen.
(2) Antragsberechtigt sind ferner die zur Zeit auf den Schulen des
Reichsheilpraktikerbundes befindlichen Schüler.“

Doch es war nicht nötig, da es ja keine späteren Berufszugänger mehr geben konnte, irgendeine Ausbildung dazu für die Zukunft gesetzlich zu regeln. Vielmehr wurde der Betrieb von Ausbildungsstätten konsequenterweise verboten (A). Es lag nicht daran, dass dem damaligen Gesetzgeber egal war, welches Können der Heilpraktiker hatte. Er setzte mit der DVO eine Berufsvertretung für die Heilpraktiker mit öffentlich rechtlichen Befugnissen ein, die es so seit Ende des „3.Reiches“ nicht mehr gibt:

§ 12.
(1) Zur Wahrung der Berufsbelange der nach § 1 Abs. 3 des Gesetzes zur Ausübung der Heilkunde zugelassenen Personen ist die Deutsche Heilpraktikerschaft e. V. mit dem Sitz in München errichtet worden. Sie wird als alleinige Berufsvertretung anerkannt.
...
§ 6
Wer eine Erlaubnis nach § 1 Abs. 3 des Gesetzes erhält, ist verpflichtet, Mitglied der Deutschen Heilpraktikerschaft e. V. zu werden.“...
§ 7
(2) Die Erlaubnis ist ferner zurückzunehmen, wenn es unterlassen wird, die Mitgliedschaft bei der Deutschen Heilpraktikerschaft e.V. zu erwerben oder wenn die Mitgliedschaft endigt.
Mit Verlust/Ende der Mitgliedschaft wird die Heilpraktikererlaubnis zurückgenommen.
...
(1) Der Leiter der Deutschen Heilpraktikerschaft e.V. wird vom Reichsminister des Innern im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers berufen und abberufen.
§ 14.
(1) Der Leiter regelt in einer Berufsordnung die Berufspflichten der Mitglieder.
(2) Die Berufsordnung bedarf der Genehmigung des Reichsministers des Inneren, die im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers erteilt wird.

Es sollte demnach verbindliche Berufsregeln für Heilpraktiker, deren Einhaltung entsprechend überwacht werden konnte, geben. Dazu gehörte die kollegiale Fachprüfung, wenn Zweifel daran bestanden, dass ein Heilpraktiker, das was er tat auch richtig konnte. Verstöße konnten zum Ausschluss und damit zum Verlust der Heilpraktikererlaubnis führen. So etwas gibt es nicht mehr, seit im September 1945 die Deutsche Heilpraktikerschaft als „Nazigründung“ alle öffentlich-rechtlichen Befugnisse verlor. Heute sind Heilpraktiker freie Einzelunternehmer, die keiner Berufsorganisation angehören müssen. Und es ist keiner der inzwischen wohl über 20 Heilpraktikervereine an die Stelle der DH getreten.

Der Gesetzgeber hat seit dem keine Berufsregeln für den Heilpraktiker erlassen, auch wenn mit dem Grundgesetz und dessen Berufsfreiheitsgarantie der Zugang zum Heilpraktikerberuf wieder möglich wurde. Im Grunde waren in den Jahren bis ca. 1980 vielleicht nur 7.000 Heilpraktikerpraxen im Bundesgebiet vorhanden. Doch ab 2000 bis 2010 stieg die Zahl der Heilpraktiker sprunghaft an von rund 13.000 auf rund 32.000.

Der Bund, der Kompetenz für entsprechende Regelungen hätte, hat in all den Jahren, in denen es immer mal wieder (wenige) „Horrormeldungen“ über Fehlbehandlungen bei Heilpraktikern gab, aber auch über die von „alternativ“ arbeitenden Ärzten, keine Notwendigkeiten für gesetzliche Regelungen gesehen. Einen Schutz vor Personen, egal welcher Ausbildung und Zulassung zur Heilkunde, die aus ideologischen, narzistischen und/oder pekuniären Gründen ihre Kompetenzen überschritten und durch „sorglose“ Therapien an Patienten diese schädigen könnten, kann kein Gesetz bewirken.

Helfen Kontrollen? Dazu (7)

Rudolf Henke: Es ist Aufgabe der Gesundheitsämter, Heilpraktiker zu überwachen, bis hin zum Entzug der Erlaubnis. Die Landesbehörden hätten vielleicht die Möglichkeit, das zu steigern – wie bei den Kampagnen zur Arbeitssicherheit in anderen Branchen. Begehungen und Kontrollen der Praxen und die Rücknahme oder den Widerruf von Erlaubnissen gibt es heute nur auf der Grundlage des allgemeinen Verwaltungsrechts. Auch das Gesundheitsamt kann also nicht einfach mal so losmarschieren und gucken gehen. Wenn es einen Hinweis oder Kritik gibt, dann muss man dem natürlich nachgehen.

Woher soll denn der Hinweis oder die Kritik kommen? Mein Eindruck ist, dass zuviele Ärzte wegsehen (Standesregel: nichts böses über Kollegen sagen?), wenn aus/in ihren Reihen „schwarze Schafe“ tätig sind. Erst recht so unter den Heilpraktikern. Da scheint es mir für manche sogar Vorbild zu sein, was einige mit – vielleicht nur durch - ihrem „eigenwilligen“ Tun an Geld verdienen können. Heilpraktiker sind üblicherweise keine Großverdiener und müssen sich häufig durch „Nebentätigkeiten“ neben der Heilkundeausübung, wie Wellnessleistungen, Vorträge, allgemeine Gesundheitskurse u.ä. Einkommen sichern.

Doch einschränken der Kurierfreiheit? Das wäre keine Lösung des Problems, dass der Besuch bei einigen Heilpraktikern und Ärzten lebensgefährlich werden könnte.

Bemerkenswert die Aussage (7) von

Rudolf Henke: Wenn man weiß, dass ein Heilpraktiker kein Miniarzt für alternative Medizin ist – sondern gar kein Arzt und ohne Bestallung, Staatsexamen und regulierte Ausbildung – gehört es zur persönlichen Freiheit dazu, sich dennoch dafür zu entscheiden, zu ihnen zu gehen. Die Frage ist nur, ob es eine informierte Entscheidung der Patienten ist. Ich fürchte, dass sie oft die Kompetenzen von Heilpraktikern überschätzen.“


Woher soll ein Patient denn wissen, was ein Heilpraktiker den tatsächlich alles heilkundlich weiß und kann? Die Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“ macht nur deutlich, dass es sich um keinen approbierten Arzt mit dessen umfassender Ausbildung und einem Staatsexamen handelt. Was ein Heilpraktiker tatsächlich an Wissen erwirbt, ist diesem selbst überlassen. Der Patient wird dann vielleicht mit Informationen zu dieser Person und ihrem „großartigen“ Wissen auf dessen Flyern und Internetauftritten in falsche Vorstellungen versetzt. Da stellt sich jemand als der Spezialist für irgendetwas dar, schwafelt mit pseudowissenschaftlichen Halbwahrheiten über seine Heilungsangebote, ist der extrem erfolgreiche Behandler, hat verschiedenste Ausbildungen bei diesem und jenem (den der Patient nicht kennt) absolviert. Da hat man angebliche „Diplome“ in „Quarkolinischer Heilkunde“ usw.Dann haben einige nach einer „Staatlichen Prüfung“ (klingt nach Staatsexamen), oder einem „Studium zum Heilpraktiker“ bei … ihre Zulassung zur Heilkunde erhalten. Man wird einfach solcher Aussagen nicht Herr, solange aus der Schar der Heilpraktiker und von ihren Vereinen hier nicht oft genug gemahnt und ggf. abgemahnt wird.

Doch, das noch einmal: Menschen, die vielleicht zu wenig Selbstkritik in ihre Heilkundetätigkeit einbringe und damit für Patienten (lebens-) gefährlich werden könnten, gibt es in jedem Heilberuf.

Der Heilpraktiker, der Auslöser für die Diskussion war, hat die Möglichkeiten seiner Kurierfreiheit genutzt und die Apotheke, die in Einzelfertigung die Arzneien herstellte (braucht keine Zulassung als Arznei) hat Erlaubtes getan.

Doch die Frage wird sein,ob die Patienten ausreichend aufgeklärt wurden, dass die Therapie noch nicht am Menschen hinreichend erprobt wurde, erst recht nicht an Patienten mit Krebsarten, die schwer belastende Therapien anderer Art bekommen oder hinter sich haben. Dass sie von daher klar gesagt bekommen haben, dass das Risiko von auch schwerwiegenden und tödlichen Nebenwirkungen/Folgen überhaupt nicht bekannt ist, man also mit solchen durchaus rechnen muss. Und die Frage wird sein, ob die Patienten demnach überhaupt eine wirksame Willenserklärung für die Therapie abgeben konnten. Und die Frage wird sein, ob der Heilpraktiker die aus solchen unklaren Therapien resultierende besondere Überwachungspflicht erfüllt hat, die ihn, keinen anderen, trifft und ermöglicht Probleme frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.




(A) Dünisch-Bachmann: Das Recht des Heilpraktikerberufs und der nichtärztlichen Heilkundeausübung, Verlag R.S. Schulz Ordner mit laufenden Ergänzungslieferungen Stand 2000
(B) Geschichte und ehemaliger Sinn der Heilpraktikerüberprüfung, Beitrag von K.-U.Pagel bei XING, Heilpraktikerlernplattform 31.07.2014 https://www.xing.com/communities/posts/geschichte-und-ehemaliger-sinn-der-heilpraktikerueberpruefung-1007183083


  1. Nachtrag 26.08.2016

    Es ist einen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Zwangbehandlung veröffentlicht worden, in der das Gericht noch mal seine Sicht von der Freiheit, über seinen eigene Gesundheit zu entscheiden, deutlich macht:

    "Seine Entscheidung, ob und inwieweit er eine Krankheit diagnostizieren und behandeln lässt, muss er nicht an einem Maßstab objektiver Vernünftigkeit ausrichten."

     Aus der Pressemitteilung zu der Entscheidung:

    https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2016/bvg16-059.html

    Für den Fall hier und andere, bei denen "unvernüftige" Entscheidungen zu Behandlungen durch den Patienten getroffen wurden, wird das meist durch den Behandler, angeführt, dass ja der Patient frei entscheiden könne, auch unvernünftigerweise unerforschte, vielleicht gar sehr absurd klingende Verfahren an sich zuzulassen/ zu wünschen.

    Nur sollte das die Pflicht des Behandlers, vorab hinreichende (was ist das im einzelnen Fall) Aufklärung und Informationen zum Verfahren geben zu müssen, auf die eine Entscheidung aufgebaut werden kann, nicht ablösen. Die Aufklärung - auch die Werbeaussagen auf der Homepage gehörn dazu, samt den die Sache betreffenden Links - müsste überprüft werden.





    Copyright K.-U.Pagel 08.2016

Freitag, 24. Juni 2016

Studien: Was, wenn das Placebo das Ergebnis lenkt?

Studien: Was, wenn das Placebo das Ergebnis lenkt?

Anregend für diese Betrachtung von Studien, die einen vorbeugenden Effekt von Lebensmitteln betreffend Krankheiten belegen sollen, war dieser Beitrag:

Jubelmeldung in heilpraxis.net:


<Natürlicher Schutz: Cranberry-Saft kann den Antibiotika-Einsatz stark verringern>

Zu diesem Beitrag war/ist mein erster Kommentar:


„Abgesehen davon, dass diese allgemeine Aussage gar nicht dem Text entspricht, ist auch die Aussage, die eigentlich gemeint sein soll, zu hinterfragen:
<Forscher stellten jetzt fest, dass Frauen durch das regelmäßige Trinken von Cranberry-Saft viel weniger Harnwegsinfektion (HWI) erleiden.>

Taten sie das wirklich, diese „Forscher“? Folgen wir der Spur der Studie.
Zunächst: Der Sponsor dieser Studie, der auch die „Vermarktung dieser Studie“ in der Hand hat, ist eine Firma, die den Handel mit Cranberryprodukten fördert: Ocean Spray Cranberries Inc. Es gab also ein Interesse an positivem Ergebnis.

Über die Studie wurde auch berichtet im American Journal of Clinical Nutritition:

In der Überschrift hier kein Jubel über Verminderung der Antibiotikagaben: <Consumption of a cranberry juice beverage lowered the number of clinical urinary tract infection episodes in women with a recent history of urinary tract infection>

Wer hat bei heipraxis.net die Überschrift „gestaltet“?

Dort wird berichtet: <Die Rate der Harnwegsinfekte sank deutlich bei den Trinkern von Cranberry-Saft. Bei der Cranberry-Gruppe gab es nur 39 Diagnosen von Infekten, verglichen mit 67 Fällen in der Placebo-Gruppe, erläutern die Mediziner. >

Und als mögliche Wirkung dargestellt: <Cranberries enthalten Chemikalien, einschließlich sogenannter Typ-A-PACs (Proanthocyanidine). Diese haben antibakterielle Eigenschaften, um beispielsweise Infektionen durch E. Coli zu verhindern.>

Im englischen Text heißt es noch: <The time to UTI with culture positivity did not differ significantly between groups > Salopp übersetzt: Bei der Keimbestimmung kein signifikanter Unterschied zwischen Cranberry und Placebo.

Ich habe die Studie gefunden und mal das Verum und das Placebo verglichen: <The placebo beverage contained filtered water, fructose, dextrose, citric acid, quinic acid, malic acid, natural flavors, pectin, potassium citrate, sodium citrate, red 40, blue 1, acesulfame-potassium, and sucralose. The active
study beverage contained filtered water, cranberry juice from concentrate, fructose, natural flavors, pectin, sodium citrate, acesulfamepotassium, and sucralose.>

Die Studie ist als PDF herunterzuladen auf der verlinkten Seite des englischen Textes.

Es muss zwingend sicher gestellt sein, dass das Placebo keinesfalls geeignet sein könnte, die Wahrscheinlichkeit einer Blaseninfektion zu erhöhen und so dem Verum Vorteile in Erreichen des Studienzieles zu gewähren. Nun sind Geschmacksstoffe und Farbstoffe im Placebo enthalten, deren Wirkung betreffend Blaseninfekten gar nicht klar ist. Darüber hinaus ist Kaliumcitrat zugesetzt, welches des Urin alkalisieren könnte und damit für bestimmte Keime die Ansiedlung in der Blase erleichtern könnte. Von daher steht die Brauchbarkeit der Studie grundsätzlich in Frage.

Die These war, dass Cranberryprodute die Infektion mit E.coli verhindern könnten. Es wurde bei einem Teil der Probanden eine Keimbestimmung vorgenommen. Man müsste erwarten, dass E.coli bei der Craberrygruppe seltener gefunden werden als bei Placebo und das dabei ein signifikanter Unterschied bestehen müsste. Doch tatsächlich fanden sich bei 27 Proben der Cranberrygruppe aber nur bei 23 der Placebogruppe E. Coli. Wirkhypothese ist nicht zu halten?

Jedoch finden sich bei der Placebogruppe verschiedene Keime, die bei der Cranberrygruppe nicht gefunden wurden, aber möglicherweise bei alkalischerem Urin-pH wahrscheinlicher auftreten könnten.

Der Zweifel daran, dass das Placebo keinen Einfluss auf einen höhere Infektionswahrscheinlichkeit gehabt haben könnte, besteht. Könnte das Ergebnis entsprechend (bewusst oder fahrlässig) in die Richtung, die dem Cranberry-Produkte-Absatz nutzen könnte, beeinflusst sein?“




Es lohnt sich vielleicht, die Studie genauer zu betrachten?

Es ging wohl drum, dass belegt werden sollte, das eine Frau, die zu rezidivierenden Harnwegsinfekten neigt, die Häufigkeit solcher erneuten Infekte reduzieren könne, wenn sie täglich 240 ml eines speziellen Cranberrygetränkes (Lebensmittel) zu sich nähme.

Eine Aussage allgemeingültiger Art wäre dann zu treffen, wenn die Frauen ganz normal, ohne irgendwelche Veränderungen leben, essen und trinken, so wie sie das getan hätten ohne Studie und wenn dann verglichen würde, ob bei zusätzlicher (nicht statt dessen) Gabe des Testgetränkes eine statistisch aussagekräftige verminderte Rate der Erkrankungsfälle festzustellen wäre.

In dieser Studie wurden aber die täglichen Ernährungsgewohnheiten deutlich verändert. Nicht nur, dass keine Cranberryprodukte mehr genommen werden durften, wie das eventuell bis 2 Wochen vor Studienbeginn der Fall sein könnte, sondern es wurden weitere Einschränkungen gemacht:

  1. Frauen who were using prophylactic antibiotics for a UTI were not enrolled, but a 2-wk washout period from antibiotic use was allowed before screening.

Was passiert, wenn eine anhaltende prophylaktische Gabe von Antibiotika einfach beendet wird?

  1. Frauen mussten probiotic dietary supplements vermeiden and to limit the consumption of all probiotic-containing foods or yogurt, soda, and energy drinks within 2 wk before screening and through week 24

Damit wurden die Verhältnisse, z.B. auch im Bereich der Darmflora und der Abwehrbereitschaft (in Bezug auf die Theorien der Probiose) geändert. Es wird ausgeführt: The daily consumption of carbonated beverages and fermented milk products has been associated with a reduced risk of recurrent UTI in some studies,
Das kann als Hinweis gewertet werden, dass solche Lebensmittel das Risiko von HWI (Harnwegsinfekte) Rezidive verringern könnten. Von carbonated beverages, energy drinks, and yogurt sollte nur so viel täglich genommen werden, wie sie vermutlich das Ergebnis nicht beeinflussen könnte. Aber, wie viel soll das sein?

Das bisher geführte „Ernährungsleben“, vielleicht auch im Hinblick auf Rezidivprophylaxe, wurde also verändert. Wurde so eine erhöhte Rezidivquote in Kauf genommen?

Die Frauen lebten nicht mehr „normal“.


Bei einer Studie, die eine prophylaktische Wirkung des getesteten Produktes zeigen soll, wäre zunächst der Vergleichswert die Zahl der üblicherweise (aus dem normalen Leben heraus) auftretenden Ereignisse.

Dazu macht die Studie diese Aussage:

It has been estimated that 25–35% of women diagnosed with a UTI will suffer a recurrence within 6 mo.

Es treten also bei 25 bis 35 % der hier zu untersuchenden Frauenpopulation üblicherweise Rezidive auf.

Es wird Eingangs in der Studie angegeben:

In this randomized, double-blind, placebo-controlled, multicenter clinical trial, women with a history of a recent UTI were assigned to consume one 240-mL serving of cranberry beverage/ d (n = 185) or a placebo (n = 188) beverage for 24 wk.

...
There were 39 investigator-diagnosed episodes of clinical UTI in the cranberry group compared with 67 episodes in the placebo group

Also traten bei 39 von 185 Cranberryprobandinnen Rezidive auf, das sind 21,2 % und bei Placeboprobandinnen 67 von 188 auf, das sind 35,6 %.

Bei so kleinen Fallzahlen macht sich eine nicht „optimale“ Diagnostik möglicherweise bemerkbar.

Bei einer Gesamtzahl von 373 Probandinnen würde man eine Rezidivzahl von (25%) 93 bis (35%) 130 Fällen erwarten. Es sind 108 Fälle also etwa 30%. Die Gesamtzahl der Fälle liegt also im üblichen zu erwartenden Rahmen.

Auffällig ist aber (immer die kleine Fallzahl beachten), dass die Zahl der Fälle beim Placebo die Obergrenze erreicht (35%). Die Zahl der Fälle bei der Cranberrygruppe liegt unter der Untergrenze (21%).

An sich wäre dieses (wegen der kleinen Fallzahlen und der nicht Vergleichbarkeit der Diagnostik – unterschiedliche Untersuchungsstellen) unsichere aber positive Ergebnis (der getestete Cranberrytrunk scheint die Rezidivzahlen gegenüber dem Üblichen zu senken) ein Wirkhinweis? Warum wird der dann nicht hervorgehoben?

Weiter unten im Studientext werden die Zahlen zu den ausgewerteten Teilnehmen und ihren Rezidivfällen „korrigiert“:

A total of 373 subjects were randomly assigned to consume the cranberry beverage (n = 185) or placebo beverage (n = 188), and 322 subjects [cranberry: n = 160 (86.5%); placebo: n = 162 (86.2%)] completed through week 24 of the study …
Muss man also neu rechnen? Von 160 Cranberryprobandinnen erkrankten 39 und von 162 Placeboprobandinnen 67?

Also dann: Cranberry 24,3 % Rezidive und Placebo gar 41%? Was macht das Placebo so „krankmachend“? Das Placebo kann doch gar nicht, wenn es, wie zwingend notwendig, auf die Erkrankungshäufigkeit keinen Einfluss nehmen darf, 6 % mehr Rezidive machen, als normal zu erwarten wäre?

Liegt das an seiner Komposition: The placebo beverage was designed to look, smell, and taste like the cranberry beverage (27% juice), and a separate sensory study showed no difference in the proportions of subjects who correctly guessed if they were randomly assigned to receive either the cranberry beverage (51%) or the placebo beverage

Es wurde ja nur probiert, es so herzustellen, dass die Probanden es nicht vom Verum unterscheiden können. Jedoch fehlt jede Aussage dazu, dass die Inhaltsstoffe des Placebo, die nicht im Verum enthalten sind, nicht etwa die Rezidivwahrscheinlichkeit erhöhen könnten. Ein wesentlicher Mangel, der die Verwertbarkeit der Ergebnisse in Frage stellen muss, insbesondere, wenn die Fallzahlen beim Plazebo deutlich über dem Üblichen liegen!

So könnte von vorne herein mittels des Studiendesigns ein Ergebnis „gefördert worden sein“, wissentlich oder fahrlässig?

Was ist drin im Placebo, was nicht im Verum ist? The placebo beverage contained... potassium citrate, sodium citrate,red 40, blue 1,....

Welche Wirkung haben die Farbstoffe auf die Urinzusammensetzung, und das in Verbindung mit dem alkalisierend wirkenden Kaliumcitrat? Welche natural flavors mit welchen Wirkungen auf die Rezidivwahrscheinlichkeit enthält das Placeo und welche das Verum?

Wesentliche Angaben fehlen betreffend der Wirkung des Placebos. Die „Zutatentabelle“ macht zum Vitamin C Gehalt beider „Getränke“ keine Angaben. Das wäre aber zwingend nötig, da im Urin ausgeschiedene Vitamin C Mengen durchaus das Bakterienwachstum in der Blase beeinflussen können. Soll das bedeuten, dass der Cranberrysaft völlig Vitamin C frei ist?

Auch das wirft Zweifel auf an der Verwertbarkeit der Ergebnisses betreffend Aussagen zur Prophylaxewirkung des Cranberrygetränkes?


Schauen wir und mal die „Jubelmeldung“ aus heilpraxis.net (link s.o.), an: Die Wissenschaftler von der Boston University …..erläutert Professor Kalpana Gupta von der Boston University.

Nicht falsch verstehen. Die Studie wurde nicht von dieser Universität aus objektiven Forschungsgründen gemacht. Der Professor Gupta arbeitet nur dort. Die anderen Studienautoren nicht.

Kevin C Maki,2,3* Kerrie L Kaspar,4 Christina Khoo,4 Linda H Derrig,2 Arianne L Schild,2 and Kalpana Gupta5,6

2Biofortis Clinical Research, Addison, IL; 3MB Clinical Research, Glen Ellyn, IL; 4Ocean Spray Cranberries, Lakeville-Middleboro, MA; 5Department of Medicine, Boston University School of Medicine, Boston, MA; and 6VA Boston Healthcare System, Boston, MA
Über den Studienauftraggeber ist bekannt:
Organization name Ocean Spray Cranberries, Inc.
Organization study ID PRV-1201
Sponsor Ocean Spray Cranberries, Inc.
Collaborator Biofortis Clinical Research


Wer ist die Privatfirma Biofortis : . Biofortis Clinical Research, Inc. A Mérieux NutriSciences Company.

Und nun die Studienautoren (6): 3 gehören zu Biofortis, 2 zu Ocean Spray. Die Studie ist schon von daher keine der Bostoner Universität.


Was ist nun von der Aussage in der „Jubelmeldung“ zu halten?

Die Wissenschaftler von der Boston University fanden ihrer Untersuchung heraus, dass viel weniger Antibiotika genutzt werden müssten, wenn Frauen häufiger Cranberry-Saft trinken würden. Cranberries enthalten Substanzen, die bakteriellen Infektionen verhindern können. Dadurch wird beispielsweise vermieden, dass Frauen einen Harnwegsinfekt erleiden.

Eine Senkung des Risikos von bakteriellen Harnwegsinfekten (überhaupt, es ging ja nur um Rezidive) ist der Studie nicht zu entnehmen. War auch nicht Gegenstand. Ist auch betreffend der Rezidivqoute gemessen an den „üblichen“ Zahlen nicht abzuleiten. Auch die Zahl der Echerichia coli Infektionen ist beim Verum nicht geringer, sondern höher, als beim Placebo: 27:23. Das könnte, wenn die Fallzahlen ausreiche würden, gegen die These sprechen, dass insbesondere diese Keime an der Vermehrung in der Blase gehindert würden.

Die „Studie“ benutzt aber nicht den Vergleich mit den üblichen Fallzahlen, sondern vergleicht mit den Zahlen, die ein eigens zusammengemischtes Placebo „erzeugte“.


Frage: Haben die Studiendesigner und Autoren gegen Gesetze verstoßen? Nein, nicht dass ich wüsste. Sie durften eine solche Studie machen, im Auftrag eines privaten Sponsors. Und irren darf man sich.

Der Sponsor hat die Rechte daran, was der dann an Meldungen herausgibt, ist dessen Sache. Herr Kalpana Gupta aus Boston listet seine Studien auf. Doch ich konnte in dieser Liste die hier in Frage stehende Studie nicht finden. Da kann man sie ihm auch nicht wissenschaftlich negativ anrechnen?

Copyright K.-U.Pagel 06 2016


 
Ergänzung: Placebo wieder Ergebnis beeinflussend?

Ich habe eine Studie gefunden:

Cranberry juice fails to prevent recurrent urinary tract infection: results from a randomized placebo-controlled trial.

Barbosa-Cesnik C1, Brown MB, Buxton M, Zhang L, DeBusscher J, Foxman B.

Author information

  • 1Department of Epidemiology, Center for Molecular and Clinical Epidemiology of Infectious Diseases, University of Michigan School of Public Health, Ann Arbor, Michigan 48109–2029, USA.
Im Test Saftzubetreitung von Ocean Spray Cranberries die auch das Placebo herstellte: The placebo juice was formulated by Ocean Spray to imitate the flavor (sugar and acidity) and color of the cranberry beverage, without any cranberry content. In addition to other food and pharmaceutical-grade substances, both juices contained ascorbic acid in their formulations.


Hier war Vitamin C zugesetzt, in beiden Säften, Verum und Placebo. Bei den Testgetränken der hier hauptsächlich besprochenen Studie wird kein Vitamin C angegeben.


Überraschen war, dass bei allen Probandinnen zusammen nur etwa halb soviele Rezidve auftraten, wie es statistisch zu erwarten war. Im Text oben waren beim Placebo deutlich mehr Rezidive aufgetreten als statistisch erwartet. Lag das hier an der Wirkung des Vitamin C in beiden Getränken? Ein Vorteil des Cranberrysaftes gegenüber Placebo ergab sich nicht.


We observed a recurrence rate of 16.9% overall—almost half that expected based on the literature [ 2, 22]. It is possible that the placebo inadvertently contained the active ingredient(s) in cranberry juice. While the active ingredient was previously believed to be proanthocyanidin, and the placebo was tested accordingly, the actual active ingredient is uncertain [ 20]. Both placebo and cranberry juice contained ascorbic acid, which has also been suggested to prevent UTI [ 23], but has not been demonstrated to reduce risk in controlled trials. Another possibility to explain our results is that our study protocol kept all participants better hydrated and led them to urinate more frequently, decreasing bacterial growth and/or reducing mild urinary symptoms.


In der Studie oben traten deutlich mehr Rezidive beim Placebo auf, als erwartet werden konnte: Förderte das Placebo durch seine Zusammensetzung Blaseninfekte? Nun waren nur halb so viele Rezidive auch beim Placebo aufgetreten, als zu erwarten war. Hat das Placebo also Infektion mindernde Stoffe enthalten? Wirkt Vitamin C?


Das Placebo als Studien beeinflussender Faktor? Die Studie im Haupttext wurde nach dieser hier unten anskizzierten Studie, diesmal im Auftrag von Ocean Spray Inc., und von einer privaten Firma mit ausgeführt worden, durchgeführt. Ergebnis war nun anders.

Samstag, 18. Juni 2016

Vorsicht mit Pressemeldungen über „Heilerfolge“.

Vorsicht mit Pressemeldungen über „Heilerfolge“.

Es ist heute üblich geworden, dass Artikel zu verschiedensten Themen und auch zugehörigen Produkten (eine Art Werbung?) von Agenturen auch über das Internet an verschieden Stelle, auch Medien, verschickt werden. Die Idee dabei ist, dass der Text übernommen wird und in vielleicht nur abgewandelter Form in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften usw. veröffentlicht werden. Damit wird einer vielleicht Firmenmitteilung höheres Gewicht verliehen, vielleicht auch die Glaubwürdigkeit aufgewertet. Solche „journalistischen Texte“ gibt es auch in Bereich der Heilkunde: Nahrungsergänzungen, Arzneien.


In einem Beitrag mit werbendem Charakter für ein anzumischendes Aminosäurepulver wurde auf einen älteren Artikel in focus-online zu der Wirkung von Glycingaben bei Arthrose verlinkt. Es scheint damit so, als ob dieser Artikel noch benutzt wird, in heutigen Werbung Wirkaussagen zu unterstützen.

Ich habe nachgeprüft.

Link zum Artikel


Überschrift: Arthrose Glycin stoppt Knorpeldegeneration

Aussage 1: „Glycin ist eine Aminosäure, die der Körper selbst aus Fleisch, Fisch oder Milchprodukten herstellen kann. Nicht in allen Fällen gelingt dem Organismus das aber ausreichend – degenerative Erkrankungen des Skelettapparats wie Osteoporose und Arthrose können die Folge sein. Das folgert Patricia de Paz Lugo vom Cellular Metabolism Institute in Tenerifa in ihrer Doktorarbeit.“

Dazu wird Aussage 2 gemacht: „Sie verabreichte den 600 Studienteilnehmern zwischen vier und 85 Jahren, die alle von einer Erkrankung des Knochenapparates betroffen waren, zusätzliches Glycin. Das Durchschnittsalter lag bei 45 Jahren. In allen Fällen besserten sich die Symptome deutlich. „Wir schlussfolgerten daraus, dass viele degenerative Knochenerkrankungen wie Mangelerkrankungen behandelt werden können. Sogar Schmerzmittel wurden überflüssig“, sagte Patricia de Paz Lugo. Eine tägliche Dosis von je fünf Gramm morgens und abends führte zu einer allgemeinen Besserung innerhalb von zwei Wochen und vier Monaten.“

Das wäre eine Sensation (Aussage 2): Ein Mittel, das in allen Fällen von (nicht näher genannten) Erkrankungen des Knochenapparates eine deutliche Besserung der (nicht näher genannten) Symptome bringen würde und das bei Kinder (4 Jahre) wie Senioren (85 Jahre)!

Da müsste man doch in der Fachpresse längst etwas dazu gelesen haben und vor allem müsste diese Studie in den einschlägigen Fachorganen abgedruckt worden sein. Die Studie mit 600 Teilnehmern ist unveröffentlicht. Eine Diskussion in Fachkreisen damit nicht möglich.

Meine Suche führte mich zu einer Mitteilung, die aus der Universität von Granada an die Europäische Union ging.

Überschrieben: „Taking a supplement of glycine, a food additive, helps to prevent degenerative diseases such as arthrosis or osteoporosis“ Contributed by: Universidad de Granada, Servicio de Comunicaci—n

Hier ist von Prävention (soll nicht entstehen) degenerartiver Erkrankungen die Rede (ähnlich wie in einer spanischen Mitteilung, Link am Ende), im focus-Online-Artikel ist die Rede davon, dass Knorpeldegeneration (also schon voll im Gange) gestoppt würde. Wie kommt dieser gravierende Unterschied: Vorbeugungsmittel gegenüber Heilmittel zustande?

Eingeleitet wird der Beitrag mit: „The research, which was carried out at the Cellular Metabolism Institute in Tenerife, studied the effect of the glycine supplement in the diet of a group of 600 volunteers affected by different diseases related to the mechanical structure of the organism.

Diese Studie an Menschen wird nicht ausdrücklich als Doktorarbeit von Frau de Paz Lugo bezeichnet, sondern diesem Institut (Abk. CMI) zugeordnet.

Es heißt in der Mitteilung: Glycine is a non-essential amino acid used by the organism to synthesise proteins and is present in foods such as fish,meat or dairy products. The study, carried out at the Cellular Metabolism Institute in Tenerife and at the Department of Biochemistry and Molecular Biology of the University of Granada by Doctor Patricia de Paz Lugo and supervised by Doctors Enrique Meléndez Hevia, David Meléndez Morales and José Antonio Lupiáñez Cara, established that the direct intake of this substance as a food additive helps to prevent arthrosis and other degenerative diseases, in addition to other diseases related to a weakness in the mechanical structure of the organism, including the difficulty of repairing physical injuries.“

Aufmerksam lesen: Es geht um eine Studie, die allgemeine Aussagen zu Glycin macht, wonach die Gabe helfen könnte, Arthrose und anderes zu verhindern, nicht die Aussage, dass diese Gabe allen Studienteilnehmern (die krank waren, also keine Vorbeugung) Symptomenverbesserungen gebracht habe.

Um welche Doktorarbeit/Studie geht es dabei? Ich konnte die Doktorarbeit (von 2006) über das Internet ausfindig machen: dialnet.unirioja.es/descarga/tesis/47720.pdf

Titel: „Estimulacion de la sintesis de colageno en cultivos celulares“ Anregung der Colagensynthese an Zellkulturen. Kein Versuch mit Probanden.

Daraus abgeleitet die Vermutung: „Posible tratamiento de enfermedades degenerativas mediante la dieta“ Also MÖGLICHE (Vermutung) Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel (meine Interpretation). Dazu jedoch keine Nachweise/ durchgeführten Studien am Menschen in der Arbeit. Das entspricht in etwas der Aussage 1 oben und der hier zuvor zitierten.


Der Text an die EU-Kommission geht weiter: „The work of De Paz Lugo was developed at the Cellular Metabolism Institute (CMI) in Tenerife, where researchers studied the effect of the glycine supplement on the diet of a group of 600 volunteers affected by different diseases related to the mechanical structure of the organism such as arthrosis, physical injuries or osteoporosis. The patients analysed were aged 4-85, and the average age was 45.“

Darin befindet sich eine doppeldeutige Aussage: Die vorher angesprochen Doktorarbeit von Frau de Paz Lugo wurde am CMI entwickelt, das ist sicher nicht falsch, wenn man die Dankesworte in der Doktorarbeit liest. Dort, am CMI haben Forscher (welche?) eine Studie mit Glycin an 600 kranken Probanden durchgeführt. Ganz genau genommen, sind das 2 verschiedene Aussage. Frau de Paz Lugo hat ja gar keine Studien an Menschen vorgenommen in ihrer Doktorarbeit. Und diejenigen, die diese Studie machten, können eine eigene Gruppe sein, zu der Frau de Paz Lugo auch gehören könnte. Aber mit der Doktorarbeit hat das nichts zu tun.

In Aussage 2 des focus-online-Artikels klingt das aber so, als wäre es zur Doktorarbeit gehörig. Es waren aber laut der anderen Mitteilung hier, nicht näher genannte Forscher des CMI.

Klar ist, diese Doktorarbeit (s.o.) gibt keine solche Patientenstudien wieder! Hat Frau de Paz Lugo eine weitere geschrieben?

Es heißt in englischsprachigen Mitteilung: In all cases, there was a notable improvement in the symptomology. “Thefore –according to De Paz Lugo- we concluded that many degenerative diseases such as arthrosis can be treated as deficiency diseases due to the lack of glycine,msince supplementing a diet with this amino acid leads to a notable improvement in symptomology without the need to take pain-killers”

Achtung, Vermischung: Die Aussage, dass in allen Fällen Symptomenverbesserungen )ohne nähere Angaben) erreicht worden wären, beziehen sich auf die „Menschenstudie“. Die Aussage – Frau de Paz Lugo zugeschrieben -, dass vermutet wird, dass Arthrose vielleicht auf Glycinmangel zurückgeführt werden könnte und dass Glycingaben vorbeugend helfen könnten, könnte der Doktorarbeit abgeleitet werden. Aussagen zu Schmerzmittelnotwendigkeit und ggf. der Reduzierung deren Dosierung aufgrund der Glycinwirkung gehen nicht auf diese zurück.

In der Mitteilung an die EU heißt es: „The doctoral thesis carried out at the CMI and the UGR has shown that the capacity of the metabolism to synthesise glycine is very limited. The conclusion of this study is that glycine, administered in daily doses of 10 grams divided into two doses of 5 grams ?one in the morning and one at night? leads to a general improvement in these problems over a period of time which, in most cases, is between two weeks and four months.

Wieder eine Vermischung: Es ist richtig, dass die Doktorarbeit in vitro und in mathematischen Modellen vermuten lässt, dass die Stoffwechselaktivität zur Glycin Synthese begrenzt sei könnte. Aber es wird darin nichts darüber gesagt mit welcher Dosis innerhalb von 2 Wochen bis 4 Monaten Erfolge bei Erkrankten erreicht werden könnten.

Im focus-online Text heißt es: „Sogar Schmerzmittel wurden überflüssig“, sagte Patricia de Paz Lugo. Eine tägliche Dosis von je fünf Gramm morgens und abends führte zu einer allgemeinen Besserung innerhalb von zwei Wochen und vier Monaten.

Das mag eine Aussage sein, die sie als Mitglied eine nicht näher genannten Gruppe von Forschung am CMI macht, aber nicht als Verfasserin der Doktorarbeit. Vermischung verschiedener Dinge.

Eine Doktorarbeit an der Universidad de Granada, Departamento de Bioquimica y Biologia Molecular von 2006 fließt hier in einen (Presse-) Mitteilung von August 2007 ein, zu einer Studie die am privaten CMI -Institut in Teneriffa gemacht wurde.

Über dieses Institut, seinen „Chef“, der auch die Doktorarbeit von 2006 betreute, findet sich:


Das Institut/ er waren im Fokus der Justiz, weil dort – so wurde angelastet – gesetzwidrig Arznei hergestellt und verkauft wurde, auch auf der Basis von Glycin. Der Vertrieb von Glycin u.a. war eine Einnahmequelle des CMI. Die Behörden schlossen dieses Institut, bzw. untersagte Herstellung und Vertrieb der vermuteten Arzneien. 2009 wurde vor den obersten Gerichtshof dann entschieden, dass es sich nicht um Arzneien handelt, sondern nur um Nahrungsergänzungsmittel, deren Herstellung und Vertrieb nicht untersagt werden durfte. Eine Bestätigung, dass die behaupteten medizinischen Wirkungen tatsächlich gegeben sind, ist daraus nicht abzuleiten. Heute klagt der Professor auf Schadensersatz unter anderem wegen entgangener Einnahmen in de Zeit der Schließung in Millionenhöhe.


Die Doktorantin, die den theoretischen Nutzen von Glycin für Bindegewebe der Gelenke u.a. darstellen wollte, war Mitarbeiterin des Institutes und später (während der Zeit des Herstellungsverbotes) auch Coautorin von 2 theoretischen Arbeiten (basierend auf mathematischen Modellen) zu Glycin, die in einem Indischen Fachjounal veröffentlicht wurden.

Man könnte darüber nachdenken, ob die Doktorarbeit von 2006 nicht auch im Interesse des CMI und seines Leiters geschrieben wurde und ob die nicht veröffentlichte angebliche Studie an Kranken von Forschern des CMI 2007 (?) nicht auch diesen Interessen diente? Im Rechtsstreit um das CMI damals?

Ich schließe daraus, dass es sehr viel Vorsicht mit sich bringen sollte, Pressemitteilungen therapeutische Konsequenz zu entlehnen, wenn die Quellen für die Kernaussage nicht nachgelesen werden können und scheinbar Verschiedenes miteinander durchmischt wird. Was aber ohne – wie ich es gemacht habe – intensive Nachprüfungen nicht zu erkennen ist.

Doch was soll der Laie für sich schließen, der das nicht machen kann, weil er zu wenig Fachwissen hat, wenn er liest:
  1. Glycin stoppt Knorpeldegeneration
  2. Sie verabreichte den 600 … , die alle von einer Erkrankung des Knochenapparates betroffen waren, zusätzliches Glycin. ... In allen Fällen besserten sich die Symptome deutlich.
  3. Eine tägliche Dosis von je fünf Gramm morgens und abends führte zu einer allgemeinen Besserung innerhalb von zwei Wochen und vier Monaten.
  4. Sogar Schmerzmittel wurden überflüssig?



Spanische Pressemeldung zu dieser Studie:



Copyright: K.-U.Pagel 06.2016